»DEIN KLUB« UND MEIN BEZUG ZUR GEMEINSCHAFT

von Peter Haury

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»Eigentlich wollen wir hier nur sitzen« (ausgetauschter Schriftzug von Stephan Köperl und Sylvia Winkler am Tisch eines Pförtners in Kunming/China)

Die Dualität von »Gemeinschaft« macht mich ehrfürchtig. Sie ist mehr als idealistisches Engagement und mehr als Geborgenheit im Freundeskreis. Sie schließt beides ein und beides ist Grundlage dafür, dass sie entsteht. Wer kann sich dauerhaftes Glück vorstellen und dabei meinen, ohne Gemeinschaft auszukommen? Für mich ein Sehnsuchtsmotiv.

Wobei: Als Künstler kann man ja Gemeinschaft haben, oder? Wenn’s gelingt, ergeben sich Koproduktionen, das ist dann toll. Wenn mal nicht, dann ist da immer die Szene. Faktisch spielen sich ein großer Teil meiner Sozialkontakte in ihr ab. Aus professioneller Sicht ist es Teil der Arbeit, sich auf dem Laufenden zu halten, was die Kollegen zeigen oder was auf Veranstaltungen diskutiert wird. Gleichzeitig feiert man ständig mit. Die Freude über ein Wiedersehen wechselt sich ab mit Kritik, konstruktiv erlebt oder auch Entfremdung auslösend. Freizeit und Entspannung gehen fließend über in Arbeit, Streit und Anstrengung, ein Kreis schließt sich wie im traditionellen Marktgeschehen. Die Szene und ihr Dorfcharakter, je nach Ausrichtung der Karriere auch ein Dschungel voll verdeckter Hierarchien, Etikette, Konflikte. Das Ganze läuft sehr dynamisch und unverbindlich ab, die Orte wechseln wie die jeweils an den Unterszenen Beteiligten. Die Verhinderten und individuell gesetzte Schwerpunkte bestimmen die Zusammensetzung, manche haben mehrere Termine an einem Abend und man verpasst sich nur um Minuten. Trotzdem: Verabreden tue ich mich ganz selten.

Aber so sehr ich die selbst gewählte großstädtische Anonymität in vielen Lebenslagen schätze: Mittlerweile geht eine zunehmend stabile Lebensführung Ð ein in Partnerschaft geführter Haushalt Ð Hand in Hand mit nachbarschaftlichem Engagement. Eine Mitgliedschaft in einer Naturkost Verbraucher-Initiative war anfänglich verbunden mit Zaudern angesichts befürchteter Verbindlichkeiten mit nötigendem Charakter. Jetzt erlebe ich es als ein Stück Lebensqualität, beim Einkaufen fragen zu können: »Haben wir (nicht Sie) noch Dinkelbrot?«

In diesem Spannungsfeld fungiert für mich »Dein Klub«, in einer ehemaligen Abstellkammer im Hinterhof des Kunstraums Oberwelt e.V. / Stuttgart, seit etlichen Jahren geführt von Jens Hermann. Jeden Montag ab 21 Uhr ist er öffentlicher Treffpunkt. Die Enge sorgt für die Heimeligkeit eines Bauwagens, man sitzt auf Bierkisten. Immer wieder gibt es Programm und vor allem immer Musik, es besteht aber keine Konsumgarantie für jeden Abend. Gleichzeitig schwingt latent eine produktive Stimmung mit. Jens ist Künstler. Er animiert, ritualisiert und ästhetisiert kleine Gesten des Austauschs.

Eine Aktion hat es mir besonders angetan, hervorgegangen aus der Franz-Joseph-Strauß-Zweimarkstück-Sammelstelle. Wer mithalf, Zweimarkstücke mit dem Portrait von Strauß aus dem Verkehr zu ziehen, bekam einen Spenderausweis, der als »Freund der deutschen Geldkultur« auszeichnete, und für jede Münze einen Stempel, von denen jeder zehnte eine Belohnung in Form eines multiplen Kunstwerks brachte. Eins dieser Multiples hat wiederum extrem gemeinschaftsrelevanten Charakter und eröffnet ein Erlebnisspektrum von Rabattmarke bis Blutsbrüderschaft. Es dokumentiert das jeweils aktuelle Lieblingslied der Woche von Jens. Zunächst besteht es nur aus einer laminierten Kopiervorlage für die Hülle und das Etikett einer Audiokassette mit der Bezeichnung »Dein Klub - Greatest Hits«, sowie einem Nummerierungsfeld. Gleichzeitig beinhaltet es aber das Recht, auf Lebenszeit (!) jede Woche eine leere Audiokassette abzugeben und den jeweiligen Lieblingshit der Woche darauf bespielt zu bekommen. Eingebürgert haben sich dazu kleine Texteinlegeblätter mit persönlichem oder fachlichem Hintergrund. Seit Beginn der Aktion habe ich keinen Hit ausgelassen. Derzeit sind wir bei Volume 175. So viele Audiokassetten mit dem gleichen Cover schreien doch nach Inszenierung, finde ich. Da ich keine dem CD-Turm entsprechende Lösung fand, habe ich einen in Gartendraht und Makram…-Technik handgeknüpften Hängeständer entworfen, mit dem ich Ð mittlerweile übrigens auch für CD, Mini-DV und andere Formate selbst schon wieder Handel treibe. Jens hat mir im Klub eine Werbefläche zur Verfügung gestellt.

Und gerade beginnen wir wieder eine andere große produktive Reihe. Jeden Montag wollen wir in »Dein Klub« eine Szene aus »Waterworld« (mit Kevin Costner) nachdrehen.

Ihr seht, ich bin angekommen. Und was hat man nicht alles probiert in seinem Leben. Ich meine nicht die Zwangsgemeinschaften. Eine gewisse Zugehörigkeit zur Klassengemeinschaft kann in der Kindheit zur überlebensfrage werden, im Berufsleben die Gemeinschaft im Kollegen-Team. Symbolisch verklärt: Die Gefährten um ihren Herrn der Ringe ziehen in ihrem Jungens-mit-Stöckchen-Film füreinander in die werktägliche Schlacht. Zugegeben, der Mythos verwischt die Grenze zwischen äußerem und innerem Zwang.

Als Jugendlicher landete ich nach einer ganzen Odyssee durch kleinstädtische Sportvereine Ð das fast überall obligatorische Abschluss-Kicken hassend Ð glücklich auf der Galeere. Das Mannschaftsklima eines ¡Vierersï in einem Ruderklub ermöglichte dauerhaft als gelungen empfundene Blödeleien und fiese Spritz-Attacken auf im »Einer« trainierende Jüngere, außer Sichtweite und zum Leidwesen unseres Trainers, den wir mit seinem lästigen Megafon auf seinem Klappfahrrad regelmäßig in den Brennnesseln des zugewucherten Uferpfades abhängten. Es gelang nicht, unseren Kampfgeist auf die Regatten auszurichten und dort versagten wir immer.

Im Jugendhaus zogen mich Leute mit Idealen an. Hier schwang als übergeordnetes Ziel die Schaffung einer kritischen öffentlichkeit immer mit. Aber die Planung konkreter Praxis, zum Beispiel eines Dritte-Welt-Abends, schleppte sich meist endlos hin, es fehlte an Energie und Ideen. Die »Kleinen«, die 12-jährigen »Nazi-Rocker«, die mit ihren Hakenkreuz-Jeansjacken nebenan Tischtennis spielten und fern sahen, machten immer das Licht aus, um uns zu ärgern, und schrieen »Müslis!« Die Sofas rochen immerhin nach Anarchie.

Als kleines Häuflein selbstorganisierter Zivildienstleistender in einer besetzten Fabrik einmal wöchentlich Kreiswehrersatzamtsbesetzungen, Streiks und Demos vorbereiten oder auch mal nur Notrufe beraten, von Kameraden, eingekesselt auf Schwarzwaldgipfeln, in Naturfreundehäusern mit faschistischen Herbergsvätern, das war auch nicht schlecht. Als Gegenleistung für die Raumnutzung musste jede Gruppe alle drei Monate auf eigene Rechnung ein Drei-Gänge-Menü zum Preis von fünf Mark für die Volksküche herzaubern und servieren. Die Bewältigung dieser Abende, inklusive kreativer Selbstabwaage großer Mengen Supermarktgemüse Ð damals hoch in Mode Ð ist mir als harmonischste Aktionsform in Erinnerung. Kampf und Leben. Es ging um elementare Rechte im Alltag, aber auch darum, mit der Wehrdienstverweigerung in ihrer gesellschaftlichen Tragweite wahrgenommen zu werden. Der Ersatzdienst an sich ignorierte diesen politischen Hintergrund ja völlig.

Das Kunststudium dann ein Bruch mit »Gemeinschaft«. Künstler werden, das war verbunden mit der Vorstellung, sich rauszunehmen, Beobachter zu sein, eine »persönliche« Perspektive zu entwickeln. Klar musste die Kunst die Funktion der Kartoffel übernehmen (Immendorf/Beuys/ Brecht), aber die Arbeit an sich selbst, an der Bewusstwerdung der eigenen Bedürfnisse und Moralvorstellungen erschwerte ein gewohntes Engagement mit dem latenten Charakter von Freizeitgestaltung oder Arbeitskampf.

Zunehmend unglücklich blieb ich hängen in einer Anti-Apartheid-Gruppe, in der gestandene Persönlichkeiten, oft biografisch, durch Herkunft oder berufliches Engagement, mit Südafrika verbunden, bestens informiert und auf für mich sehr abstraktem Niveau eine sehr spezifische und komplexe Lobbyarbeit leisteten. Die Schwelle, mich entsprechend zu professionalisieren, mir Hintergrund- und Detailwissen anzueignen, um wenigstens bei den Planungstreffen mitzukommen, erschien mir unüberwindbar. Also versuchte ich mich voller Freude als Fußvolk, als es galt, mit einem Flohmarktstand mit Dachbodengerümpel der Mitglieder Funds zu raisen. Ein plötzliches Unwetter schlug einen Nachbarn ohne Abdeckplane so überstürzt in die Flucht, dass er mir seinen kompletten Stand für einen Betrag vermachte, den ich, nachdem die Sonne gleich darauf wieder schien, eine halbe Stunde später mit einem Bruchteil der Schätze wieder eingenommen hatte. Stolz präsentierte ich am Abend dem Abbau-Trupp, der im Kombi-Konvoi vorfuhr, den erklecklichen Geldbetrag, aber die Blicke gingen durch mich hindurch und starrten fassungslos auf den gleichzeitig eher angewachsenen als reduzierten Berg von Habseligkeiten. Die Enttäuschung über den misslungenen Entrümpelungseffekt war so heftig und mir so fremd mit meinem damaligen Sechseinhalb-Quadratmeter-Haushalt, der in einem Rucksack noch wegzutragen gewesen wäre, dass ich spürte, ein Gefühl von Gemeinschaft würde noch öfter ausbleiben. Dafür entwickelte sich die Künstlerseite und eine gewisse Gewöhnung, sich in der oben beschriebenen Szene zu bewegen. Und meine bürgerliche Seite vertritt selbst die berüchtigte Kehrwoche (Bürgersteig). Sie schreckt mich zwar. Ist man nicht innerlich gefestigt Ð kann sie angesichts verächtlicher Kommentare der großen Nachbarjungs, in Migranten-Slang und von geleckten Plateausohlen herunter vorgetragen (»hey, guck der Spießer!«), zum Spießrutenlaufen werden. Zu dieser Art von Martyrium sagt aber Konfuzius: »Der Handfeger ist der bessere Sprengstoffgürtel.« Und Montag ist wieder»Dein Klub«.

 

”DEIN KLUB“ AND MY RELATION TO THE COMMUNITY”

Actually we just want to sit here“ (exchanged writing by Stephan Köperl and Sylvia Winkler at the table of a doorman in Kunming, China)

The duality of “community“ strikes me with awe. It's more than idealistic engagement and more than feeling safe among your closest friends. It includes both and both serves as a basis for its formation. Who can imagine permanent luck and think of doing without community at the same time? For me this is a motive for desire. In a lot of situations I really appreciate living anonymously in a big city, what I voluntarily do, but meanwhile a more and more established life-style (my household is run in a partnership) goes hand in hand with being involved in my neighbourhood. At first I hesitated to join an initiative of consumers for health-food as I was afraid of any obligations with compulsory characteristics. Now I consider it as a part of my quality of life to go shopping and ask ”do we (not you) have any spelt bread left?“.

”Dein Klub“ which has been run for quite a lot of years by Jens Hermann in a former storeroom in the backyard of the Oberwelt e.V. artist space works in a similar way for me. Every Monday starting at 9 p.m. it's a public place to meet. Sitting on beer crates, it's crampedness makes it as cosy as a construction workers' hut. From now and then there are programmes but after all there is always music. Consumption cannot be guaranteed every night however. At the same time there's a latently productive atmosphere in the air. Jens is an artist. He encourages, ritualizes and aetheticizes small gestures of swapping. I especially prefer one activity which developped from the collection of Franz-Joseph-Strauß-two-mark-pieces. If you helped to withdraw two-mark pieces from service showing the portrait of Strauß, you got a donator card to identify yourself as a ”friend of the German culture of money“ and a stamp for each coin. Every tenth stamp was rewarded in the form of a multiple. …