ZU DIESER AUSGABE ...

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»evolutionäre-zellen«, Ausstellung Teil 1: Infos, Kriterien und Jury

Liebe LeserInnen,

die vorliegende finger-Ausgabe Nr. 11 beschäftigt sich mit der Frage, wie gegenwärtig Gesellschaft gestaltet wird. Alle hier vorgestellten Projekte haben gemeinsam, dass sie von Ihren Urhebern und Urheberinnen beim Wettbewerb »evolutionäre zellen – selbstbeauftragtes Gestalten gesellschaftlicher Perspektiven« eingereicht wurden, der von uns als Arbeitsgruppe der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst, e.V. in Berlin, konzipiert und ausgeschrieben wurde.

Sieben der hier vorgestellten Projekte wurden durch die Jury des Wettbewerbes mit Preisgeldern ausgezeichnet. Weitere sieben Projekte aus dem Pool der Einreichungen haben wir für diese Ausgabe hinzugefügt, um an einigen zusätzlichen Beispielen, die Bandbreite der Wettbewerbseinreichungen zu beschreiben und um weitere Formen des derzeitig wirksamen gesellschaftsgestaltenden Engagements vorzustellen.

Wir fragten nach Situationen, bei denen gesellschaftsgestaltende Ideen und deren Vermittlung, Gestaltung und Umsetzung auf eine exemplarische Art und Weise zusammenwirken, so dass sie fortan zu einem Bezugspunkt und zu einer Art Marker im gesellschaftlichen Gefüge und Diskurs werden und so der Orientierung dienen können. Diese Ideen in einen gemeinsamen Kontext gestellt, eröffnen das Feld der selbstbeauftragten Gestaltung von Gesellschaft und deren gegenwärtigen Perspektiven.

Auf der Suche nach einer Institution, die gestalterische Fragen dieser Art unterstützen würde, wendeten wir uns an die Neue Gesellschaft für Bildende Kunst e.V. in Berlin, die sich seit ihrer Gründung 1969 immer wieder mit dem Verhältnis von Kunst und gesellschaftspolitischer Realität auseinandergesetzt hat. Traditionell wurde und wird das Programm der NGBK von Mitgliedern entwickelt. Einzelne Programmvorschläge werden in der Hauptversammlung vorgestellt und es wird darüber abgestimmt, welche Projekte umgesetzt werden sollen. Unser Projektvorschlag fand positive Mehrheit und so wurde es uns möglich, den Wettbewerb »evolutionäre zellen – selbstbeauftragtes Gestalten gesellschaftlicher Perspektiven« auszuschreiben.

Anfang 2002 ging die Wettbewerbsausschreibung an die Öffentlichkeit. Wir richteten uns damit an alle, die die Gestaltung ihres gesellschaftlichen Umfeldes, gleich ob als Laien oder als Profis, engagiert, in eigener Regie übernehmen. Die gesuchte Vorgehensweise war dabei die der Autodidakten oder der »professionellen Dilettanten«, die sich auf eigensinnige Art und Weise eine neue / alternative Struktur erarbeiten, um ihre Bedürfnisse und Überlegungen zu vermitteln und so innovatives und kritisches Denken weiterentwickeln.

Ungeachtet der Chancen auf die Verwirklichung einzelner Ideen war die Zielsetzung des Wettbewerbs, den Entwicklungen »evolutionärer zellen« auf der Kippe zwischen gesellschaftlicher Akzeptanz und Ablehnung, ein Forum zu bieten und damit zur Darstellung und Vermittlung der »evolutionären zellen« als relevante Faktoren kultureller Prozesse und Produktion beizutragen.

Zuerst wurde der Wettbewerb und die exemplarisch zusammengesetzte Jury in einer Ausstellung im Frühjahr 2002 in den Räumen der NGBK vorgestellt, begleitet von einer Vortragsreihe, innerhalb welcher die einzelnen Mitglieder der Jury ihre Vorgehensweise darstellten und sich eine erste Diskussion über das Feld der »evolutionären zellen« entspann.

Die Mitglieder der Jury waren:

Dieter Klemmstein (Leiter des Museums der JVA Celle)

Ute Meta Bauer (Institut für Theorie, Praxis und Vermittlung von Gegenwartskunst, Wien) vertreten durch Women On Waves und Yvonne P. Doderer

Pater Gregor Böckermann (Ordensleute für den Frieden, Frankfurt am Main)

Die Glücklichen Arbeitslosen (Berlin)

Dr. Michael Fehr (Karl Ernst Osthaus Museum, Hagen)

Heidemarie Schwermer (Das Sterntaler- experiment), z.T. vertreten durch Jutta Hoffmann,

Leonie Baumann (Neue Gesellschaft für Bildende Kunst, Berlin)

Indymedia.de (Hamburg / Berlin)

Siegfried Schmidtke (Kügelgen-Schmidtke- Kinderbetreuung GbR, Köln)

finger (Frankfurt / Berlin)

Veröffentlicht wurde das Projekt über verschiedene E-mail-Verteiler, Presse, TV, Hörfunk, auf Infoscreens in U-Bahnen sowie im Rahmen von weiteren Ausstellungen und Vorträgen in künstlerischen Institutionen. (www.manifesta4.de)

Im Juli konnten wir die ursprüngliche Preisgeldsumme von 10.000 Euro durch einen Preis der Restpfennigaktion von Susanne Bosch (www.restpfennig.com), der dem Projekt evolutionäre zellen verliehen wurde, um weitere 5.000 Euro erhöhen. Wir danken herzlich Susanne Bosch und der Jury der Restpfennigaktion für diese Unterstützung.

Zum Einsendeschluss am 31. August 2002 erreichten uns insgesamt 312 Einreichungen. Aus diesen wählte die Jury Anfang Oktober sieben Projekte aus und vergab unter ihnen Preisgelder von 1.000 bzw. 3.000 Euro.

Die mit 3.000 Euro ausgezeichneten Projekte des Wettbewerbs »evolutionäre zellen« sind:

»Freedom of Movement«, Brandenburgische Flüchtlingsinitiative, (Rathenow); »ADOPTED«, Gudrun F. Widlok (Berlin); »Site Geist”, Center for Land Use Interpretation, (Los Angeles); »Additional SURVIVAL COUPONS«, Skart (Belgrad);

Jeweils 1.000 Euro gingen an die Projekte: »Swoon Union«, (Brooklyn); »subTV«, Hybrid Video Tracks (Berlin); »(Speaker's Corner)«, Thimo Laterne, (New York/ Berlin).

Unser Dank gilt an dieser Stelle im Besonderen den TeilnehmerInnen des Wettbewerbs mit ihren spannend zu lesenden, oft humorvollen und verblüffenden Projekten.

Unsere Hoffnung ist, dass die Idee, als »evolutionäre zelle« in unserer Gesellschaft zu agieren und zu wirken, über die begrenzte Zeitdauer des Wettbewerbs hinausgeht.

Wir werden diese Entwicklung auch weiterhin aktiv begleiten und planen u.a. ein Archiv »evolutionärer zellen«, das es erlaubt, bereits dokumentierte Projekte mitzuverfolgen, wie auch zukünftig weitere Projekte aufzunehmen.

Wir bedanken uns herzlich bei den Mitgliedern der Jury, die mit großer Ernsthaftigkeit ihre Aufgabe wahrgenommen haben. Gedankt sei auch den Mitgliedern der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst, durch deren Zustimmung diese Sammlung des zeitgenössischen gesellschaftsgestaltenden Engagements überhaupt erst möglich gemacht wurde.

finger, Frankfurt am Main im Oktober 2002

 

About this issue

Dear Readers, in finger issue No. 11 we address the issue of the ways in which society is currently being shaped. All of the projects discussed in this issue have in common that they were submitted by their initiators to the competition »evolutionäre zellen – self-initiated design of social perspectives« –, which was conceived of and organized by finger as a work group of the Neue Gesellschaft für Bildende Kunst, e.V. in Berlin.

Seven of these projects have been designated by the jury of the competition as recipients of prize money awards. In order to further illustrate the wide spectrum of the projects submitted, and to be able to present more examples of the diversity of forms in which a commitment to shaping social perspectives can be identified today, we have chosen an additional seven projects from the total pool of the entries to the competition to be presented in this issue.

We were looking for situations in which concepts for designing social perspectives concurred in their form, practice and communication of an idea, creating a new point of reference or marker in the structure and discourse of society which could facilitate orientation. Put in a common context, these concepts open up the field of self-initiated designing of society and widen the scope of its current perspectives.

In our search for an institution which would support this kind of design concept, we approached the Neue Gesellschaft für Bildende Kunst e.V. in Berlin. Since its foundation in 1969, the NGBK has repeatedly adressed the relationship between art and sociopolitical reality. The NGBK's agenda has traditionally been – and continues to be – determined by its members. Individual program suggestions are presented at the members‘ assembly, which then votes on which projects should be realized. Our project received a positive majority, enabling us to realize the competition »evolutionäre zellen – self-initiated designing of social perspectives«.

The competition was publicly announced at the beginning of 2002. We directed our call for entries at all persons, whether amateur or professional, who are actively committed to contributing to the shape of their social environment. We were looking for autodidactic methods and »professional dilettantesq who are taking an individual and creative approach to developing new or alternative social structures in order to express their needs and convey their reflections, and so to further encourage innovative and critical thinking. Regardless of the realisation potential of the individual ideas, the goal of the competition was to provide a forum for the development of »evolutionäre zellen« on the borderline between social acceptance and rejection, and so to contribute to the representation and mediation of such »evolutionäre zellen« as a relevant factor in cultural production and processes. The competition and the jury, the members of which were chosen on the basis of their experience as initiators of »evolutionäre zellen«, were first introduced in an exhibition at the NGBK in early 2002. The exhibition was complemented by a lecture series, in the context of which the individual members of the jury presented their approaches, opening the field of »evolutionäre zellen« for discussion.

The members of the jury were:

Dieter Klemmstein (Director of the Museum of the Prison in Celle)

Ute Meta Bauer (Institut für Theorie, Praxis und Vermittlung von Gegenwartskunst, Vienna) represented by Women on Waves and Yvonne P. Doderer

Pater Gregor Böckermann (Ordensleute für den Frieden, Frankfurt am Main)

Die Glücklichen Arbeitslosen (Berlin)

Dr. Michael Fehr (Karl Ernst Osthaus Museum, Hagen)

Heidemarie Schwermer (Das Sterntalerexperiment), partially represented by Jutta Hoffmann

Leonie Baumann (Neue Gesellschaft für Bildende Kunst)

Indymedia.de (Hamburg /Berlin)

Siegfried Schmidtke (Kügelgen-Schmidtke-Kinderbetreuung GbR, Köln)

finger (Frankfurt / Berlin)

The project was publicized through various email distributions, in the press, on TV and radio, on infoscreens in subway trains as well as in the context of other exhibitions and presentations in art institions. (www.manifesta4.de)

In July, we were able to increase the amount of prize money, originally totalling 10,000 Euros, when the project »evolutionäre zellen« was chosen to receive an award of 5000 Euros from the Restpfenningaktion (www.restpfennig.com). We would like to express our thanks to Susanne Bosch and the jury of the Restpfennigaktion for their support.

By the August 31, 2002 deadline, we had received a total of 312 entries to the competition. From these, seven projects were selected by the jury in early October which will be awarded with a prize of either 1000 or 3000 Euros.

The projects designated to receive 3000 Euros from the competition »evolutionäre zellen« are: »Freedom of Movement«, Brandenburgische Flüchtlingsinitiative, (Rathenow), »ADOPTED«, Gudrun F. Widlok (Berlin), »Site Geist«, Center for Land Use Interpretation, (Los Angeles), »Additional SURVIVAL COUPONS«, Skart (Belgrad)

1000 Euros have been awarded to the projects: »Swoon Union« (Brooklyn), »subTV«, Hybrid Video Tracks (Berlin), »(Speaker's Corner)«, Thimo Laterne (New York/ Berlin)

We would particularly like to thank all the participants in the competition for their exciting to read, often humorous and fascinatingly interesting projects.

We hope that the concept of operating in our society as an »evolutionäre zelle« and making an impact on society as such will continue after the competition has ended. We will also continue to actively follow these developments. Among other ideas, we are planning an archive for »evolutionäre zellen« which would allow us to monitor already documented projects as well as inducting new projects in the future.

Our thanks go to the members of the jury for the earnestness with which they performed their duties. Finally, we would like to thank the members of the Neue Gesellschaft für Bildende Kunst, without whose approval this collection of contemporary committment to shaping social perspectives would not have been possible.

finger, Frankfurt am Main in October, 2002