DAS FUKUOKA DEMOFELD

von Winfried Schiffer

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Fukuoka Demofeld mit Pflanzenstativ, April 2002

Meine evolutionäre Zelle ist das Fukuoka-Demofeld auf dem so genannten »Hofgarten« des Hauses einer Berliner Selbsthilfegruppe (gegründet als GbR 1985), deren Mitglied ich bin.

Ursprünglich waren in unserem Hausprojekt Initiativen der Gruppenmitglieder, die selbstverantwortet und im Selbstauftrag erfüllt wurden, erwünscht und anerkannt. Einige unserer Mitglieder errichteten ohne weiteres z.B. eine Kleintieranlage mit Hühner- und Hasenställen, andere betrieben Gemüsebeete für den Eigengebrauch. Gemäß meinen Neigungen war ich von Anfang an bei der Grüngestaltung der Gemeinschaftsfläche engagiert: ich baute z.B. einen Teich mit Feuchtzone und begrünte ca. 300 qm unseres ehemaligen Gewerbehofes mit Rasen- und Langgrasanteilen als Erholungsfläche für die Hausgemeinschaft. Diese Grünfläche wurde später als Berliner Bestand in den Katalog der Internationalen Bauausstellung aufgenommen. Für mich waren diese Möglichkeiten, nah am Wohnen, Freiland im Selbstauftrag zu gestalten, ein wichtiger Grund für meine Mitgliedschaft in diesem Selbsthelferprojekt.

Im Zuge der Modernisierungmaßnahmen an Haus und Hof war die gesamte Hoffläche erneuert worden. Das historische Gewerbehofpflaster (Erbauung des Hauses, 1875) war abgeräumt und stattdessen gab es neues Pflaster mit Rollerbahn in den geschwungenen Linien vom Reißbrett der Architekten.

Die Beete waren ordentlich umzäunt und doch unbrauchbar, da neu gesetzte Bäume sie verschatteten und sich obendrein im Schutz der Zäune vandalierende Hasen eingerichtet hatten, die eigentlich zur anliegenden Kleintierhaltung gehörten. Die Grünfläche war nun in der Größe vervielfacht, um einen Bolzplatz erweitert und bestand aus purer Rasenfläche.

Das Ambiente hat den Charme eines unpersönlichen öffentlichen Parks erhalten, der gut fremdverwaltbar ist. Es drückte für mich auch die ideologische Spaltung der Eigentümergruppe aus: Eine Mehrheit war mit ihrem Versuch, unser Nonprofit-Selbsthelferprojekt in einen gewinnorientierten Betrieb zu wandeln und das Prinzip der Selbstverwaltung gegen den Willen einer Minderheit aufzugeben, vor dem Kammergericht gescheitert. Ich fühlte mich dort nicht mehr wohl. Die Bereiche für grüngestalterische Eigeninitiative im Hofgarten beschränkten sich auf die Gemüsebeete und das Kleintiergehege »in Privathand«. Sie schienen an den unkommunikativen Rand gedrängt und hinter Zäunen verborgen und wurden dort obendrein unbrauchbar gehalten. Das große Gelände bot auch keine Nischen mehr.

Im Frühjahr 2001 definiere ich nach längerem Unbehagen und im Verständnis unserer ursprünglichen Tradition der selbstverantwortlichen Eigeninitiativen ein 180 x 180 cm großes Stück unserer Rasenfläche neu. In selbsverwalterischer Absicht wollte ich nicht mehr nur dort wohnen, sondern wieder grüngestalterisch auftreten können; sowohl im Sinne von Kommunikation, wie auch von Sinnlichkeit. Zunächst wünsche ich mir, es möge sich hier wieder mein grüngestalterisches Element »Langgrasinsel« bilden.

Ich tue nichts anderes, als einen Holzrahmen aus Latten in der Stärke von 5 x 7 cm auszulegen, um diese Fläche zu markieren. Sie sollte nicht mehr gemäht und auch seltener betreten werden. Diese sanfte Maßnahme setzt im Laufe von zwei Jahren überraschend starke Kräfte in der Hausgemeinschaft frei, die zwischen engagierter Teilhabe und anonymer, gewalttätiger Destruktion liegen.

Den konstruktiven Kräften, vor allem Kindern und ihren Eltern aus unserem Haus, ist die Fortentwicklung der Langgrasinsel zum »Fukuoka-Demofeld« zu verdanken. Da sie das Feld mitgestalten wollen, säen und pflanzen wir Verschiedenes in die vorhandene Vegetation hinein. Und genau dies entspricht der Methode »Gemüse wie Wildpflanzen anbauen« des japanischen Pflanzenpathologen, Bauern und Philosophen Masanobu Fukuoka. Bei seinem Streben nach einer Landwirtschaft in Harmonie mit der Natur, verzichtet er auf Bodenbearbeitung, Beikraut jäten, Kompostieren, Kunstdünger, chemische Schädlingsbekämpfungsmittel und Maschinen.

Als es schließlich unübersehbar ist, dass das zerstörerische Potenzial in der Eigentümergruppe selbst liegt (das Feld wurde teils unter Missachtung von Umweltschutzregeln und des Strafrechtes fünfmal im Geheimen abgeräumt), spricht die Gruppe erstmals offen darüber und entschließt sich zu einer befristeten Duldung. Die Gesellschafterversammlung folgt meiner Bitte, das Beet wenigstens bis zum Ablauf der Meldefrist zum Wettbewerb evolutionäre Zellen zu dulden, da es noch Zeit brauche, bis es seine spirituelle Ästhetik entfalten könne und es außerdem ein Wettbewerbsbeitrag sein soll. Es wurde auch erkannt, dass die Gruppe auf der Bühne des Wettbewerbes mitspielen wird »egal was wir machen«. Den Machtverhältnissen in unserer Hausgruppe mit ihrer hohen Empfindlichkeit für Kontrollverlust ist es also zu verdanken, dass das Fukuoka-Demofeld als evolutionäre Zelle überhaupt erst zu verstehen ist: Es liess die Bedeutung von Alltagswissen und die Übernahme von Verantwortung deutlich werden, mit ihm konnte durch produktives Querdenken und Zweckentfremdung vorgegebener Bedingungen Missstände thematisiert und neue Ansätze gestaltet werden und es befindet sich an der Schwelle zwischen gesellschaftlicher Toleranz und Ablehnung. Insofern ist es (bis heute) ein exemplarischer Fall der gesellschaftlichen Wirklichkeit. Heute (31. 08. 02) läuft die Duldungsfrist ab und das Feld ist wieder von Räumung bedroht.

Dem Wettbewerb evolutionäre Zellen verdanke ich schließlich, dass ich mit meiner zunächst spontanen und direkten Einzelaktion ein gesellschaftlich verbindendes Motiv fand. Ich fühlte mich aus der standardmäßig diffamierten Position querdenkender und -lebender Menschen befreit und vertrat mein Anliegen sowie Fukuokas Gedanken aktiv vor meiner nahen und entfernteren Öffentlichkeit mit verschiedenen Aktionen.

Dies waren meine zusätzlichen Aktionen:

Ð Führungen zum Fukuoka-Demofeld und Dialoge mit den Besuchern.

Ð Feuerabende mit geladenen Gästen: Lesungen (Masanobu Fukuoka und Vilem Flusser zum Thema Pflanzen, Garten, natürliche Landwirtschaft). Dazu Essen und Trinken, Arbeiten mit Ton und anschließendem Keramik-Brand,

Ð Widerstand gegen die Vandalismus-Aktionen bis zur Aufdeckung der Täter,

Ð Korrespondenz mit unserer Geschäftsführung und den Gesellschaftern,

Ð Briefwurfaktion an die Hausgemeinschaft

Ð Faltblattaktion auf dem Oberbaumbrücken-Fest in Kreuzberg,

Ð Kontakt mit Stadtteilausschuss Friedrichshain-Kreuzberg und seiner Grünberatung.

Berlin, den 31.08.02 Winfried Schiffer (Danksagung: Ich danke allen Hausbewohnern, die die evolutionäre Zelle Fukuoka Demofeld mit Lebendigkeit gefüllt haben und besonders Susanne Wagner für ihre liebenswürdige Start- und Landehilfe für das Projekt.)

über Fukuoka:

»Masanobu Fukuoka wurde 1914 in einem kleinen Bauerndorf auf der Insel Shikoku in Südjapan geboren und als Pflanzenpathologe in Mikrobiologie ausgebildet. Seine Kenntnisse in diesem neu aus dem Westen übernommenen Wissenschaftszweig verhalfen ihm bald zu einer Stelle als Zollinspektor für Agrarprodukte, bei der er im Hafen von Yokohama ein- und ausgehende Pflanzen untersuchen mußte. Er hatte also eine sichere, wenn auch ereignislose Laufbahn vor sich, als ihn plötzlich Ð mit 25 Jahren Ñ Zweifel überkamen. Er fing an, alles in Frage zu stellen, was er über die ÝWunder der modernen wissenschaftlichen LandwirtschaftÜ gelernt hatte. In einer Vision erkannte er, dass alle ÝLeistungen und ErfolgeÜ der menschlichen Zivilisation vor der Absolutheit der Natur bedeutungslos sind. Von diesem Moment an widmete er sein Leben der Erfüllung des Versprechens, das diese Vision enthielt und machte sie immer stärker zum Mittelpunkt seines Lebens.« (Quelle: Masanobu Fukuoka: Rückkehr zur Natur. Die Philosophie des natürlichen Anbaus; Darmstadt: pala-Verlag 1987)

Auf lange Sicht plant Winfried Schiffer das Projekt »Fukuoka Galerie (Demofeld 04)« im Biber Park, Diemitz, welches die Installation eines 1000 qm großen Fukuoka-Feld beinhaltet. Er bezieht sich hierbei auf das von Fukuoka hervorgehobene Maß der 1000 qm und dessen Werbung für den »1000 qm-Bauern«. Neben dem Feld soll ein erdnaher Wohnraum (Tipi, Thoreaus Hütte, Lappland-Erdhaus, Fukuoka-Lehmhütte oder anderes) gebaut werden, der von Interessierten besucht und bewoht werden kann.

Winfried Schiffer schreibt: »Ein 1000 qm Getreidefeld können mit Fukuokas Methode mit einem Arbeitsaufwand von einer Person/Woche betrieben werden. Für die Bestellung veranschlagt er 1 Tag, für die Ernte 5 Tage (oder 5 Personen an einem Tag). Also Ýeine FamilieÜ muss 1 Tag arbeiten. Bei Anpflanzung mit Getreide, Gemüse, Obst einschließlich Verkehrsflächen (auch Wohnraum) reichen 1000 qm für die Ernährung einer Familie.

Seinen Vorschlag, 1000 qm-Bauer zu werden, versteht Fukuoka als einen Aufruf, sich der geldbezogenen Wirtschaft zu entziehen und sich ganz der Erfüllung der wahren Daseinsbestimmung des Menschen zu widmen.

Mein 1000 qm Exponat wird diesen Vorschlag freilich nicht verwirklichen. Aber es kann seinen Vorschlag vergegenständlichen und Menschen diesen Gedanken erfahrbar machen. Es soll seinen Besuchern die Möglichkeit zum aktiven und sinnlichen Kontakt mit Fukuokas Philosophie und der spirituellen Ästhetik des natürlichen Anbaus bieten.

Zu Fukuokas landwirtschaftlichen Prinzipien gehört der Verzicht auf Maschinen, Bodenbearbeitung, Jäten, Herbizide, Insektizide, Kunstdünger, Kompost. Er verwendet Gründünger und Mulch, hält Pflanzendeckung stets geschlossen, sät Fruchtfolgen ineinander (»Direkteinsaat«) und nützt die Selbstaussaat bei Gemüse.

Nach Fukuoka kann man Gemüse wie Wildpflanzen anbauen. Das jeweils genaue Vorgehen hängt von den Bedingungen vor Ort ab. Ich habe im Kunstbetrieb bereits gute Erfahrung mit Fukuokas Gemüseanbaumethode gemacht. Das Wandeln darin und die erforderlichen Tätigkeiten wurden als meditativ, der Anblick der Felder über das ganze Jahr hin als sehr erbaulich empfunden.

Fukuokas Auffassung gemäß wird in diesem Projekt nicht auf das Ernteergebnis fokussiert. Der direkte Vergleich mit landwirtschaftlichen Projekten und Methoden wird vordergründig nicht gesucht. Fukuoka-Felder werden als künstlerisch-philosophisches Exponat aufgefasst und als Devotionalie für Fukuoka und seine Auffassung vom Platz des Menschen in der Natur. ÝWir sollten es uns aber einmal überlegen, ob wir es uns leisten können, den Sinn für die spirituelle Ästhetik unserer Vorfahren einzubüßen, die in dem Reisfeld eine Laube für ihre Seele sahen. (...) Einer Sache bin ich mir jedenfalls gewiß: Felder, die von diesem Geist erfüllt sind, werden wiederkommen, irgendwo, irgendwann.« Am unmittelbarsten kann das Werk durch den aufmerksamen und aktiven Aufenthalt darin und durch das Essen seiner Früchte rezipiert werden.

Peripher könnte das Projekt auch über den Kunstbereich hinaus öffentlich wahrgenommen werden: Aufgrund seines absoluten Standpunktes Ð der Mensch kann es nicht besser machen als die Natur Ð wird auf höherer Ebene die Industrie konfrontiert, denn diese hat sich aus der Sicht von Fukuoka zum Nachteil in die Landwirtschaft eingemischt und auch unsere Verbrauchergewohnheiten nachteilig beeinflußt. Auch im Kreis der ökologisch orientierten Landwirtschaft dürfte Fukuoka eine extreme Position einnehmen. So hat er alle landwirtschaftlichen Handlungen auf ihr Notwendigkeit und ihren Nutzen hin hinterfragt, denn »Ursprünglich gab es keinen Grund für Fortschritt und nichts, was hätte getan werden müssen. Wir sind an einen Punkt angelangt, an dem es keinen anderen Weg mehr gibt, als eine ÝBewegungÜ zu gründen, die nichts zustande bringen will

 

Fukuoka Demofield, a contribution by W. Schiffer In the spring of 2001

Winfried Schiffer enclosed a 180 cm x 180 cm area of the lawn in his housing community in Berlin-Kreuzberg with four wooden strips. Inside the enclosure, he planted various types of seeds and allowed the grass to grow. Throughout the seasons, the area was more or less left to nature, in accordance with the ideas of the Japanese plant pathologist and specialist for natural cultivation Fukuoka, born 1914. Schiffer sees his Fukuoka field as a model which could be realized on a greater scale, bringing the philosophy of natural cultivation closer to a larger audience. The reactions of Schiffer's neighbors to the present version of the field have been mixed, however, with the majority calling for the end of the experiment and the restoration of the lawn to its previous, uniform state. Schiffer's announcement that the Fukuoka field had been entered in the competition »evolutionäre zellen« resulted in an unexpected break in the conflict over the lawn: the final decision on the field's future has been postponed until the winners in the competition are announced. Afterwards, it will once again be threatened with eviction.

 

 

Die Brandenburger Flüchtlingsinitiative arbeitet seit 3 Jahren unentgeltlich für die Abschaffung der Residenzpflicht im Land Brandenburg und überall in Deutschland, sowie gegen rassistische Diskriminierung. Alle Mitglieder unserer Initiative sind AsylbewerberInnen oder haben den Status von Flüchtlingen in Deutschland.

Unser Recherche- und Aktionsfeld ist insbesondere das Land Brandenburg, da wir durch einen speziellen Verteilerschlüssel der Ausländerbehörden nach unserer Ankunft in Deutschland hier in verschiedenen Asylberwerber-Sammelunterkünften untergebracht wurden.

Neben den alltäglichen Diskriminierungen und rassistischen Übergriffen in den brandenburgischen Dörfern und Städten sind wir von einer Reihe menschenrechtsverletzenden und undemokratischen Regelungen der Ausländerbehörden betroffen, die ihre Entscheide auf der Rechtsgrundlage des deutschen Asylrechts legitimiert sehen.

Ein exemplarisches Beispiel ist die sogenannte »Residenzpflicht«, die Flüchtlingen überall in Deutschland verbietet, den jeweiligen Landkreis ohne abgestempelte schriftliche Bewilligung der örtlichen Ausländerbehörden vorübergehend zu verlassen. Der maximale Bewegungsradius bis zur Landkreisgrenze liegt zwischen 10 bis 45 Kilometer. Die Genehmigungen werden nicht selbstverständlich, sondern häufig auch bei notwendigen Arztbesuchen, Anwaltsterminen etc. nur in Ausnahmefällen gestattet. Wird man von der Polizei kontrolliert ohne eine gültige Erlaubnis zu haben, drohen eine Geldstrafe und im Wiederholungsfall ein Prozess.

Um auf die alltäglichen Missstände aufmerksam zu machen und um Flüchtlinge zu ermutigen, sich gegen die unterschiedlichen Rassismen, die sie erfahren, zur Wehr zu setzen, haben wir zahlreiche unterschiedliche Aktionen gemacht, von denen wir im Folgenden einige in chronologischer Reihenfolge dokumentieren:

Im März 2000 reisten einige VertreterInnen der Flüchtlingsinitiative Brandenburg durch zahlreiche Städte in insgesamt 11 Landkreisen. Zusammen mit den BewohnerInnen der unterschiedlichen Heime, die wir besuchten, beschlossen wir, zu Demonstrationen aufzurufen, um auf die generell schlechten Lebensbedingungen von Flüchtlingen und auf das Thema »Residenzpflicht« aufmerksam zu machen. So demonstrierten wir im Juli 2000 in Guben, im September 2000 in Cottbus, und ebenfalls im September 2000 in Potsdam für die Abschaffung der Residenzpflicht. Im Dezember 2000 erhielten wir für unsere Arbeit die Carl-von-Ossietzky-Medaille der Internationalen Liga für Menschenrechte.

Im März 2001 setzten wir die Kampagne gegen die Residenzpflicht mit einer Demonstration in Rathenow fort, gefolgt von einem dreitägigen Camp für »Freedom of Movement« im Mai 2001 auf dem Schlossplatz in Berlin, an dem mehrere hundert Flüchtlinge aus ganz Deutschland teilnahmen.

Ein Jahr nach der Ermordung des Mozambikaners Alberto Adriano durch Rechtsextreme in Dessau prägten wir eine Gedenkveranstaltung für ihn entscheidend mit, in dem wir auf die gesellschaftlichen und politischen Strukturen, die tödliche rassistische Gewalt erst möglich machen, hinwiesen. Nachdem der Vorschlag für das Zuwanderungsgesetz vorgestellt wurde, organisierten wir die Kampagne »Stop Schily's Racist Law«, mit Aktionstagen und einer Demonstration im September 2001 in Berlin sowie einer kritischen Veranstaltung gegen das Zuwanderungsgesetz im November 2001. Eine der Aktionen während der Kampagne beschrieb Jens-Uwe Thomas in der »Gossner Mission Information« 4/2001:

Mit Polizeieskorte durch das Regierungsviertel »Protokollarischer Empfang zum Tag des Flüchtlings«

Die Flüchtlingsräte Berlin und Brandenburg befanden sich gemeinsam mit der Flüchtlingsinitiative Brandenburg und ihren Gästen am »Tag des Flüchtlings« (25. September) auf einer Dampferfahrt für die Rechte der Flüchtlinge. Der aktuelle Gesetzentwurf des Bundesinnenministers Schily für ein Zuwanderungsgesetz bot genügend Anlass dafür. So war auf einem Transparent, das an der Reeling festgezurrt war, zu lesen: »Das Boot ist nicht voll!« Diese Losung des Tages wurde von den Flüchtlingen, die sich auf dem Oberdeck befanden, lautstark gerufen, insbesondere um auch die Mitarbeiter/innen und vielleicht sogar den Minister hinter den Mauern des Bundesinnenministeriums zu erreichen, an dem das Schiff vorbeifuhr. Dies stieß auf aber auf ganz andere Ohren. Ein Schiff der Wasserschutzpolizei vollzog eine jähe Wendung und brachte das »Flüchtlingschiff« zum Halten. An der Reeling standen Polizisten Schlange, um offenbar sich selbst ein Bild von der Auslastung des Schiffes zu machen. Einige von ihnen wurden tatsächlich aufgenommen und gastfreundlich mit Rosen begrüßt. Der Hintergrund ihres Besuches war aber ein anderer. Von einer nicht angemeldeten Demonstration war die Rede, die offenbar die zeitgleich stattfindenden Besuche der Präsidenten Russlands und Ägyptens, Putin und Mubarak, behinderte. Mit der formalen nachträglichen Anmeldung der schwimmenden Demonstration waren die neuen Passagiere aber nicht zufrieden. Die Transparente mussten eingerollt und die Sprechchöre eingestellt werden. Der Höhepunkt war schließlich, dass sich alle unter Deck begeben mussten, wo die Platzkapazität an ihre Grenzen stieß. Diese unverhältnismäßige Maßnahme wurde mit der besonderen Sicherheitszone um den nahen Bundestag begründet, in dem gerade die Abgeordneten Präsident Putins Rede lauschten. Letztlich entstand eine vor allem für Flüchtlinge beklemmende Atmosphäre. Eine bosnische Frau erlitt einen Schwächeanfall. Es ist schwer nachzuvollziehen, welche Gefährdung die unter Deck gezwungener Maßen sitzenden Flüchtlinge, BetreuerInnen oder Seelsorger für die Abgeordneten darstellen sollten. Vermutlich sollten die Abgeordneten wohl nichts von jenen bemerken, die sich gegen die neuen Pläne zur Terrorismusbekämpfung zu Lasten des Ausländer- und Asylrechts, auf Kosten der Grundrechte engagieren. Sie werden sich aber den Forderungen der beteiligten Flüchtlingsräte nicht völlig entziehen können. Diese gaben einen Offenen Brief bekannt, in dem sie sich zusammen mit anderen Organisationen gegen die Einschränkung des Asyl- und Ausländerrechts unter dem Vorwand der Terrorismusbekämpfung wenden und die Bundestagsfraktionen auffordern, sich für eine Asyl-, Einwanderungs- und Integrationspolitik einzusetzen, die sich von der Achtung der Menschenrechte und nicht von Nützlichkeitserwägungen leiten läßt. Die Nützlichkeit des Polizeieinsatzes am Dienstag nachmittag, der zuletzt u.a. in der Eskorte von zwei Booten der Wasserschutzpolizei bestand, bleibt fraglich. Andererseits war er vielleicht auch für Preisträger des Preises des Deutschen Bundestages »Demokratie leben« 1999 (Flüchtlingsrat Berlin), der Ossietzky-Medaille 2000 (Flüchtlingsinitiative Brandenburg) oder des Julius-Rumpf-Preises der Martin-Niemöller-Stiftung 2001 (Flüchtlingsrat Brandenburg) als protokollarische Begleitung angemessen?!

Bei einer weiteren Aktion protestierten etwa 30 Flüchtlinge und UnterstützerInnen am Tag vor der parallelen Verabschiedung des umstrittenen Zuwanderungs- und Ausländerrechts und dem zweiten Paket der Anti-Terror-Gesetze im Bundeskabinett mit einer Kunstaktion gegen die Verabschiedung des Gesetzes. Sie besuchten die Ausstellung »Exodus« von Sebastiao Salgado im Kronprinzenpalais, Unter den Linden, in Berlin Mitte. Die Ausstellung erzählt Geschichten von Menschen in Bewegung, die nicht aus freien Stücken fliehen. Salgado hat für diese Ausstellung 40 verschiedene Länder bereist. Er schreibt: »Wenn ich zu Plätzen zurückkehrte, die ich von früher kannte, war es schmerzhaft zu entdecken, dass sich die Situation in der Regel verschlechtert hatte.

« »Schmerzhaft« für die Akteure der Kunstaktion war die Reaktion des Museumsleiters: Während im Kronprinzenpalais Salgados Portraits als Kunst gewürdigt werden, waren ihre mitgebrachten Bilder von Flüchtlingsrealitäten und Flüchtlingskämpfen hierzulande unerwünscht. Der Leiter des Museums drohte mit Anzeige wegen Hausfriedensbruch und wollte nicht einmal die Verlesung der Presseerklärung gestatten. »Salgados Bilder porträtieren die Ferne und es ist leicht, auf die Distanz betroffen zu sein. Die Sortierung von Menschen nach Kriterien der Nützlichkeit und die damit verbundene Abschottung Deutschlands sollten jedoch genauso betroffen machen.« (aus der Presseerklärung der AkteurInnen)

Offener Brief der Aktionsgruppe: Dear Mr. Salgado, today we have visited your exhibition »Migrations«, which is currently shown here in Berlin under the name »Exodus«. We are a coalition, consisting of refugees from numerous different countries, all seeking asylum in Germany, and German political activists, concerned with the racism in this country. We have spent much of the year organising campaigns together against institutional racism as well as against racist structures in society.

Germany is currently debating a legislation on migration. The suggested legislation will allow highly qualified intellectuals to stay in Germany as long as they are useful for German society. But for refugees it will mean several restrictions. On November 7, tomorrow, this legislation is supposed to pass through cabinet of the German parliament. As you have written we also believe, that few people do leave their places of home voluntarily, but are forced to by poverty, repression and war.

We visited your exhibition today and added pictures both of refugee struggles and refugee realities in Germany today. Herefor we invited press and tried to create awareness for the law, supposed to be passing tomorrow, as well as for the situation mentioned before. Our intend was not to criticise the exhibition, but to criticise the way of the German state to deal with refugees.

We were thrown out of the exhibition by the administration of the museum with the argument, that they want to remain apolitical (whatever that means...). They called the police and risked the arrest and potential deportation of thirty refugees and immigrants with uncertain status. This absurd scenario mirrors a reality of German society where civil society, if we include cultural institutions in civil society, does not stand up against racism if it is happening next door. We are telling you about this incident because we are hoping for your support in this matter. In any case we would be interested in your opinion. Please feel free to contact us any time. We are looking forward to hearing from you.

Yours, Brandenburg Refugee Initiative and Berlin Coalition against the Residential Restriction Law

Im März 2002 thematisierten wir erneut in Rathenow die Residenzpflicht mit einer Kundgebung am Global Anti-Racism Day.

Im April 2002 koorganisierten wir gemeinsam mit Brothers und Sisters Keepers, einen Zusammenschluss von afrodeutschen Musikern, einen Schulbesuch mit Diskussion gegen rechte Gewalt und Rassismus, sowie ein Konzert in Prenzlau. Wir glauben an das Recht auf menschenwürdige Behandlung, unabhängig von Hautfarbe, Herkunft, Geschlecht und wirtschaftlichem Hintergrund. Wir glauben, dass hierfür strukturelle und politische Veränderungen in Deutschland passieren müssen. Deswegen werden wir weiter für die Abschaffung der Residenzpflicht kämpfen! Wir leisten hier eine unverzichtbare innenpolitische Aufklärungsarbeit, die nur mit einem riskanten Einsatz von Seiten der Flüchtlinge und AsylbewerberInnen effektiv werden kann.

Wiederholt riskieren wir, bestraft oder gar abgeschoben zu werden. Wir übernehmen quasi die Frontarbeit für einheimische soziale (Rand-) gruppen, die als nächste in ihren demokratischen Rechten beschränkt werden.

Jede und jeder kann unsere Arbeit unterstützen. Widerstand gegen die Residenzpflicht und Aktion für »Freedom of Movement« fängt in den Köpfen an!

Flüchtlingsinitiative Brandenburg:http://217.175.249.254/fluechtlingsrat- brandenburg/ini/default.asp

Kampagne gegen das Zuwanderungsgesetz: http://www.stop-schily.de

Bremer Menschenrechtsverein: http://www.humanrights.de

Mehr Informationen, Bilder und Videos zu Thema: http://www.umbruch-bildarchiv.de

Flüchtlingsinitiative Brandenburg Tel./Fax: ++49 (0)331 71 64 99 The VOICE Africa Forum: Tel.: ++49 (0)3641 66 52 14

 

The Flüchtlingsinitiative Brandenburg e.V. has, for the past three years, been working voluntarily toward the abolishment of the residence restriction law for refugees, as well as against racial discrimination. All members of the initiative are currently seeking asylum in Germany or have refugee status. In order to draw attention to daily grievances and encourage refugees to defend themselves against the many forms of racism they encounter, the initiative has staged various campaigns. For example, a three-day event calling for the abolishment of the residence restriction law was held from May 17-19, 2001 on the Schlossplatz in Berlin, and the group also staged an art action at the exhibition »Migrations« by Sebastiao Salgado in the Berliner Kronprinzenpalais, in which they hung photographs documenting the reality of refugees' lives in Germany today next to the actual exhibition pieces.