SPEAKER'S CORNER

von Thimo Laterne

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Eines der abgenommenen Plakate

Während eines Berlin Aufenthaltes 2001-2002 beobachtete ich bei meiner routinemäßigen Bewegung zwischen Wohnung (Schlesische Straße) und Bar (Falckenstein Straße), die täglich wechselnde Plakatierung an einer Hauswand neben der von mir bevorzugten Gaststätte.

Ein(e) mir Unbekannte(r) beschrieb mit farbigen Markern Plakate in wechselnden Größen mit Kommentaren zum aktuellen politischen Geschehen im Afghanistankrieg, zu Aussagen von Politikern und zu Schlagzeilen der Tagespresse. Fast jeden Tag erschien ein neues Plakat. Manchmal kommentierten PassantInnen mit eigenen Kugelschreibern und eigenen Bemerkungen diese öffentlich gemachten Reflexionen. Irgendwann begann ich die Plakate abzunehmen und zu sammeln. Ich wollte dem/der unbekannten AutorIn damit nicht schaden. Vielmehr schlage ich diese(n) unbekannte(n) BerichterstatterIn vor für einen Preis beim Wettbewerb »evolutionäre zellen«. Das Copyright der Plakate liegt ganz bei dem/der mir Unbekannten.

Im Falle einer Nominierung durch die Jury setzte ich mich selbstverständlich dafür ein, dass diese Person gefunden wird und die Anerkennung erhält. Mit freundlichen Grüßen Thimo Laterne (Anlage: 7 Plakate)

finger: Du hast beim Wettbewerb »evolutionäre zellen« eine Einreichung mit einem Hinweis auf einen unbekannten Plakateschreiber gemacht, dessen öffentliche Mitteilungen Du dann abgehängt und gesammelt hast. Was hast Du gedacht, um was es sich handelt, als Du zum ersten Mal die Plakate entdeckt hast?

T. Laterne: Es war offensichtlich, dass es sich nicht um Produkte einer Institution, einer Firma, oder sonst einer Autorität handelt. Diese Poster unterstreichen die »subjektive Stimme« gleichwohl, als sie die gesellschaftlichen Bedürfnisse des Autors nahelegen. Sie zielen darauf ab, Verantwortung beim Leser zu provozieren, der sich gleichzeitig fragt: Wer schreibt hier? Sie sind mir erst wohl deshalb und nicht wegen ihres Inhaltes aufgefallen (Naja, stimmt nicht ganz). Jede Kommuniktion lädt zum Protest ein. Sobald etwas bestimmtes zur Annahme angeboten wird, kann man es auch negieren.

Jetzt im Nachhinein scheint es mir so, als ob der Verfasser in mir etwas getroffen hätte, das unmittelbar mit meinen Vorstellungen von Berlin zu tun hatte. Und zwar diese offene, beinahe agressive Haltung zur Politik. In den USA scheint mir diese Form des öffenlichen Protests, der öffentlichen Kritik eines Privaten nicht denkbar. Ja, das war so eine Vorstellung von Berlin, genauer von Westberlin und davon kannte ich auch nur Kreuzberg und das wiederum nur vom Hörensagen.

Mein Interesse an diesen Postern entspringt, zugegeben, aber auch einer Auseinandersetzung mit Produktionspraktiken innerhalb des Kunstfeldes. Diskurspraktiken, die in anderen gesellschaftlichen Zusammenhängen Ð akademischen, politischen, autonomen Ð erarbeitet wurden und in Form von Unmengen an demokratischen Partizipationsprojekten in die Kunst aufgenommen wurden.

Es zeichnet sich allerdings ein Problem ab und zwar, dass dieses Geschehen, das Offenheit vortäuscht, letztendlich durch einen Mangel an Referenzen auf etwas außerhalb seiner selbst wiederum zum geschlossenen System wird. Ich hoffe, ich laufe diesem Problem nicht auf. Ich bin explizit weder der Verfasser dieser Plakate, noch identifiziere ich mich mit deren Inhalten. Ich habe Respekt vor dieser Form des Protestes und der Vehemenz, mit der dieses Projekt betrieben wird. Deshalb sind die Poster da gelandet, wo sie jetzt sind.

Ich weiss noch nicht, wie der Urheber darauf reagieren wird, wenn er erfährt, was hier vor sich geht. Ich gebe zu, ich bin schon ein wenig beunruhigt.

In the case of the contibution SPEAKER'S CORNER, we are dealing with a reference to an »evolutionäre zelle«. Thimo Laterne submitted the entry to the competition on behalf of an anonymous project which came to his attention while he was living in Berlin during the fall and winter of 2001/2002. On the way to his favorite bar, he noticed daily-changing posters on a building wall: each day, an unknown commentator presented insights into the international political situation (the war in Afghanistan), as well as quotations of philosophy or from the media on the subject of war, written on the empty back sides of posters.

Laterne is presently searching for the author.