LEW

von Florian Haas

English

Sowjetisches Ehrenmal in Berlin

Lew war ein kleiner Mann, dem man seine 70 Jahre nicht ansah. Er galt als einer der begehrtesten Jungesellen in der damaligen Sowjetunion. Seine Augen verrieten einen scharfen Verstand und der gepflegte Haarschnitt seiner noch fast schwarzen Haare deutete auf eine eitle Seite seiner Persönlichkeit hin. Die war es wohl dann auch, die Lew dazu gebracht hat, uns in sein Atelier einzuladen. Alle um uns waren darüber erstaunt, denn er war der bedeutendste Bildhauer des Ostblocks.Ein Spezialist für Monumentalplastik und die Darstellung von Karl Marx. Eigentlich war ich gar nicht für den Austausch mit Moskau vorgesehen. Ich hörte zufällig im Radio davon und wahrscheinlich beeindruckt von der Eigeninitiative, mit der ich mich selbst für das Stipendium vorschlug, ließ man mich ziehen. Als Austauschstudent verbrachte ich einen verregneten Sommer in der russischen Hauptstadt. Unsere Delegation bestand aus 6 Kunststudenten. Untergebracht waren wir in einem der Moskauer Kunstakademie angegliederten Studentenwohnheim.

Straßenhändler verkauften in diesem Jahr die traditionellen, ineinander geschachtelten, russischen Holzpuppen im Gorbatschow Design. Auf den Souvenirartikeln strahlte einem das Gesicht des Präsidenten entgegen mit dem typischen Muttermahl auf seiner Halbglatze. Die Stadt war durchweht von dem neuen »wind of change«. Überall gab es nur Pepsi Cola statt Coca Cola, da Pepsi das Rennen um den Exklusivvertrag mit der sowjetischen Regierung gemacht hatte und Mc Donalds eröffnete gerade seine erste Filiale. Da Fleisch teuer und selten zu kaufen war, bildete sich täglich eine Menschenschlange vor dem »Restaurant« mit dem gelben »M« . Das Mysteriöse war nur, dass diese Schlange sich im Gegensatz zu all den anderen Schlangen vor den Supermärkten an ihrem Ende spiralartig einrollte. Und so entrollte sich täglich, wie von einer Spindel, ein hungriger Bandwurm, der zwischen Türstehern und Wachpersonal in dem Fast-Food-Restaurant verschwand.

Lew hatte für dieses neue Phänomen, wie ich später erfuhr, wenig übrig. Er hielt es mehr mit den einheimischen Produkten, wie Brot, Milch und Kefir. Auch mir schmeckte das in Kastenform gebackene, graue Brot gut, das mich an die Produkte heimischer Reformhäusser erinnerte. Täglich frisch in den Brotfabriken der Stadt gebacken, war das revolutionäre Brot frei von Farbstoffen und weiteren Zusätzen. Dies geschah wohl mehr aus Mangel und Unkenntnis der entsprechenden Zusätze, als aus Sorge für die Volksgesundheit. Denn mit dieser war man im Sommer nach Tschernobyl nicht gerade zimperlich umgegangen.

Von weitem sah ich Lew das erstemal anlässlich der Vorstellung von Diplomarbeiten in der Kunstakademie. Gemeinsam mit weiteren Professoren saß er auf einer Bühne der Aula des Surikov-Instituts. Hier verteidigten die Diplomanden ihre Kunstwerke und mussten auf die kritischen Fragen der Professorenschaft antworten. Lew hielt sich stets etwas im Hintergrund. Als ranghöchster Bildhauer des Landes trug er zu diesem feierlichen Anlass drei goldene Sterne an rotem Band an seinem Jackett. Diese Orden zeichneten ihn als dreifachen Held der Sowjetunion aus, wie ich mir von unserer Betreuerin Marina erklären ließ. Sie schien sich in der Materie bestens auszukennen, was ich auf ihre profunde politische Ausbildung zurückführte. Marina war es auch, die für uns das tägliche Ausflugsprogramm ausarbeitete. Gemeinsam mit der älteren Dame besuchten wir die Heldenfriedhöfe, Ehrenmäler und die Museen der Stadt. Nach ihren täglichen Einsätzen hatte sie wohl alle Hände voll zu tun mit den Berichten, die sie über uns verfasste. Eigentlich hatte auch keiner richtig Lust mit ihr mitzukommen und so verkleinerte sich ihre Gefolgschaft von Tag zu Tag und es wurde immer schwieriger die Kollegen mit fadenscheinigen Gründen wie Verschlafen oder Migräne zu entschuldigen.

Unter besonders starken Kopfschmerzen schien besonders mein Mitbewohner Wolfgang zu leiden, mit dem ich ein enges Zimmer teilte. Den wahren Grund für seine Unpässlichkeit gestand er mir erst bei unserem Abflug. Mit der selben Energie, mit der er bei seinen Skulpturen Stahl und Holz miteinander verband, schien er sich auch mit der nicht abgeneigten Weiblichkeit des Instituts zu vereinigen. Aus Mannheim stammend, war er eigentlich von seinem Vater als Juniorchef eines mittelständischen Betriebs vorgesehen. Hier standen auch die Hochdruckpressen, mit denen er seine Materialien zu Kunstwerken deformierte. Sein Glanzstück bestand darin, wie er mir stolz erzählte, die Sekretärin in ihrem Büro zu beglücken, während ihre Kollegin solidarisch vor der Türe Schmiere stand. Was eigentlich noch nicht so bemerkenswert wäre, wenn man nicht den engen Zeitkorridor von zwei Stunden nach unserer Ankunft berücksichtigte, in denen das Ereignis stattfand.

Ob Lew jemals ahnte, was in seiner Akademie vorging, weiss ich nicht. Jedenfalls gab es auf der Etage unseres Wohnheims einen sogenannten Stockwerkältesten namens Attila. Er residierte seit etlichen Jahren in einer Art von Salon, von dem aus er für die nötige Ordnung sorgte und die Zimmerbelegungen regelte. Hierfür stand ihm ein Stab von kräftigen Mitarbeitern zur Seite, die wir anlässlich eines Banketts, das er uns zu Ehren gab, kennenlernen durften. Sie schienen Teil seiner Verwandtschaft zu sein und stammten alle aus einer kleinen kaukasischen Republik. In Attilas Salon befand sich auch das einzige Telefon der Etage, das durch sein penetrantes Klingeln den Hintergrund zu dem Bankett bildete. Anlässlich der unvermeidbaren Führung durch Attilas Reich, hatten wir HiFi-Anlage, Videorekorder und CD-Player zu bewundern, die alle von namhaften, westlichen Herstellern stammten und fast neu waren. Die Geräte gaben ein beredtes Bild von Attilas wirtschaflichen Verhältnissen, die gesichert schienen. Hingegen waren Attilas Ohren taub für unsere Klagen über die Prozessionen der Kakerlaken, die nachts über die Bettlaken zogen. Ihre Kinderstube schien in den Fallrohren der Toiletten zu liegen, auf deren Porzellan ich allabendlich die unsicheren Gehversuche der Neugeborenen beobachten konnte, deren Fluchtreflex vor dem grellen Licht der eingeschalteten Lampe noch nicht so ausgeprägt war.

Besonders beeindruckend war ein Warenlager von nordvietnamesischen Studenten, die in einem zwei Meter breiten Schlauch, Wand an Wand mit Attila lebten. Das Lager war auf der Seite zum Etagengang durch eine Pappwand abgetrennt, dessen Breite sich dadurch um besagte zwei Meter verkürzte. Der Grund für den so entstanden Engpass auf dem Gang war von aussen ohne weiteres gar nicht zu erkennen. Das Lager selbst bestand aus einer etwas 10 Meter langen Hochregalwand, in welche die Bewohner Betten und Schränke integriert hatten. Licht bekam das Lager durch zwei Glühbirnen, da bei dieser Bauweise auf Tageslicht verzichtet werden musste. Der Raum selbst war vollgestopft mit Fahrradschläuchen, Alutöpfen und Kompottgläsern, die darauf warteten von ihren drei Bewohnern mit der Transsibirischen Eisenbahn nach Nordkorea geschafft zu werden. Wie hoch die Miete für diesen aus Eigeninitiative entstanden Raum war, konnte ich leider nicht in Erfahrung bringen. Es schien aber, dass Attila diesem Unternehmen seinen persönlichen Schutz angedeihen ließ.

Eine ganz andere Form von Protektion genoss dagegen die Studentin von Lew, die sich für ihre Lenin-Skulptur auf der Bühne der Diplombesprechungen zu verantworten hatte. Der lebensgroße Revolutionär saß in Bronze gegossen sinnierend auf einem Stuhl und blickte auf die Studentenschaft in der Aula herab. Lew meldete sich zu Wort und hob darauf ab, dass das besondere an diesem Lenin seine Lebensgröße sei. Und eben dieser menschliche Maßstab mache gerade die Aktualität der Plastik aus, denn dieser Lenin stehe mit dem Betrachter direkt auf einer Ebene, was dem Revolutionär ein humanes und demokratisches Antlitz verleihe. Auf die Vorstellung des Bronze Lenin folgte ein Schlachtenbild, auf dem Napoleon bei seinem Rückzug aus Russland bis über die Knie im Matsch versank. Ein weiteres Tableau war dem Ende des großen vaterländischen Kriegs gewidmet. Hierauf hisste ein Soldat der ruhmreichen Sowjetarmee die rote Fahne über den Dächern des brennenden Berlin.

Vielleicht war es die Müdigkeit und Langeweile, die sich bei Lew immer während der jährlichen Diplombesprechungen einstellte, die ihn veranlasste, die Studenten aus dem kapitalistischen Ausland zu sich in sein Atelier einzuladen. Vielleicht zweifelte er aber auch schon an der sozialistischen Kunstdoktrin und an den Künstlern, die dieser immer noch folgten. Nach all den Jahren glaube ich, wollte er einfach seinen künstlerischen Standpunkt an die Studenten aus dem Westen weitergeben. Eigentlich hätte er das gar nicht nötig gehabt, denn er genoss als Staatskünstler der damaligen Weltmacht Sowjetunion alle erdenklichen Privilegien. Er war sogar Millionär, wie mir Jelena eine Dolmetscherin unter vorgehaltener Hand verriet. Als sie meinen skeptischen Gesichtsausdruck bemerkte wiederholte sie: «Nein, nein nicht Rubel-Millionär, Dollar-Millionär.«

Lews Kollege Salachow hatte da ganz andere Konsequenzen gezogen. Als mächtiger Kulturfunktionär hatte er schon längst das Malen aufgegeben und trat im Surikov-Institut eigentlich gar nicht mehr in Erscheinung. Seine Klasse befand sich ausserhalb des Instituts in gesonderten Räumen, die sich gegenüber des Post- und Telegraphenamts befanden, das federführend für das Abhören der russischen Bürger sei, wie mir einer seiner Studenten stolz verkündigte. Hier versammelten sich alle Hermenneutiker und Avangardisten, die es Jahre später in die westlichen Galerien als Strandgut der russischen Reformen schwemmte. Tonangebende, kapitalistische Kunstmagazine, wie Flash Art, waren in dieser Enklave genauso zu finden, wie ein Kunststudent, der sich von der orthodoxen Kirche zum Popen hat weihen lassen, wie er vorgab. In dieser Kostümierung tauchte er bei den Zusammentreffen der Klasse auf und gab diesen durch seine Person einen angemessenen und weihevollen Rahmen. Möglich war dies wahrscheinlich nur, weil Salachow als Kunstfuntionär viel zu tun hatte und wie ich hörte auch des öfteren in seinem Haus in Florida weilte.

Lew war da aus anderem Holz geschnitzt. Er glaubte noch an das, was er tat. Wie verabredet holte er uns mit seinem Lada am Morgen nach den Diplombesprechungen ab. Gefolgt von dem Wagen unserer Übersetzerin Jelena setzte sich unsere Delegation in Richtung Stadtrand in Bewegung. Lews Atelier war ein schlichter, schon in die Jahre gekommener Neubau und damit eines der typischen Moskauer Gebäude, die obwohl gerade erst fertiggestellt, aussahen, wie kurz vor ihrer Sanierung. Über Wochen verfolgte ich aus meinem Fenster, wie der Bagger auf der Baustelle gegenüber immer wieder bei Aussenarbeiten über die dort hingekippten Belüftungsrohre fuhr und hinter sich ein mit Alublechen bedecktes Feld hinterließ. Ob die Bewohner des Gebäudes jemals die angelieferte Belüftung eingebaut bekamen, konnte ich leider nicht weiter verfolgen.

Die Führung durch Lews Atelier begann in einem riesigen Keller, der voll mit Regalen stand, von denen uns Marx- und Lenin-Büsten anstarrten. Bedeckt vom feinen Staub- und Tonmehl der Jahre, warteten die grauen Eminenzen des Kommunismus auf unseren Besuch. Es seien Entwürfe, erklärte uns Lew, für all die Denkmäler, die er in seinem Leben geschaffen hatte. Einen Eindruck, was aus den Gipsmodellen werden konnte, bekam ich, als Lew den Entwurf des Gagarin Denkmals herauszog. Vor das monumentale Denkmal, mit seiner 10 Meter hohen Säule, auf der der erste Kosmonaut triumphierte, hatte uns unsere Betreuerin schon vor Tagen geführt. Auf einem zugigen Platz grüßte der Weltraumheld den hinter ihm beginnenden Plattenbauring, der Moskau umschloß.

Mit dem Kosmonauten in der Hand, den Lew vor uns wie ein Zepter schwang, hob er zu einer Lehrstunde über die Monumentalplastik an. Tief im Keller lauschten wir Lews Worten, die uns durch den Mund der Dolmetscherin erreichten. Es sei eine große Kunst, sprach er, die typischen Gesichtszüge Gagarins so zu modellieren, dass die Betrachter den auf dem Denkmal stehenden Weltraumfahrer Gagarin auch als Gagarin erkennen. Denn dafür müsse man die natürlichen Proportionen überhöhen. Gagarins Nase werde in 10 Meter Höhe nun einmal zu einer Stupsnase, wie er stolz verkündigte, wenn er nicht durch seine Kunst eingreife. Die Monumentalplastik sei nichts anderes, als die Kunst der Verzerrung, proklamierte er. Wolfgang war beeindruckt, denn er verstand als Deformationskünstler sehr gut was Lew mit der Theorien der plastischen Verformung meinte. So wie Lew die prominenten Plätze des Ostblocks mit seinen Denkmälern bestückt hatte, träumte Wolfgang davon, die öffentlichen Räume seiner Heimatstadt mit verformten Stahlträgern aus denen zersplitterte Holzstücke herausragten, aufzuwerten.

Er wisse, dass wir im Westen über die Kunst der Monumentalplastik sehr schlecht informiert seien, fuhr Lew in seinem Vortrag fort, aber er halte sie für die höchste Form künstlerischen Schaffens. Hier werde die klassische, griechische Proportionslehre durch den Auftrag der sozialistischen Gesellschaft an ihre Kunstschaffenden zur Vollendung gebracht. Denn die Kunstschaffenden seien es, die durch ihr Talent den Geist des Sozialismus den Massen vermitteln könnten. Dies sei für ihn Modernität. Ja, ja, er wüßte, dass wir im Westen anders darüber dächten, aber wir sollten ihm jetzt erst einmal zu hören, denn er sei einer der letzten Bildhauer, der die Regeln der Monumentalplastik beherrschte und sie sogar fortentwickle. Deutlich abzulesen sei dies an all den Denkmälern, die er in der ganzen Welt geschaffen hatte. Wir kämen doch aus Deutschland, bemerkte Lew und verschwand in den hinteren Teil seines Kellers. Er schien dort etwas zu suchen und tauchte nach wenigen Minuten mit einem Marx-Kopf in seinen Händen wieder auf. Dies sei der Entwurf für die Skulptur in Karl-Marx-Stadt gewesen, einem seiner großen Aufträge, erklärte Lew. Man wolle wie er hörte, die Stadt wieder umbenennen, was er sehr bedauere, da er doch als Wahrzeichen für die Stadt diesen Kopf geschaffen hätte. Ob wir wüßten, was denn in Zukunft aus seinem Monument werden würde nach dem Zusammenschluß und ob wir Deutschen auch wie die Polen seine Denkmäler niederreißen und die Nasen der Helden des Sozialismus mit dem Hammer abschlagen würden. Mit traurig, glasigen Augen schaute uns Lew zum ersten Mal an und eine unbekannte Stille breitete sich im Keller aus. Nun gut, hob Lew wieder an, er habe das ja auch nur gehört. Er mache sich einfach Sorgen darüber, was aus seinen Kunstwerken werden würde. Vor allem in jenen sozialistischen Bruderstaaten, die jetzt nichts mehr von der Sowjetunion wissen wollten und dies obwohl so viel für sie getan worden sei.

Wir versicherten ihm, dass dies in Deutschland bestimmt nicht passieren würde, da man dort alles aufheben würde und man im schlimmsten Fall seine Denkmäler behutsam abbauen werde, um sie an entsprechenden, dafür vorgesehenen Orten einzulagern und so für die Nachwelt zu sichern. Denn man weiss nie, wie die nächste Generation über die Kunst urteilen wird und sicher werden die dann darüber froh sein, solch schöne und historische Kunstwerke wie eben seine überliefert zu bekommen. Etwas beruhigt und vielleicht auch getröstet darüber, dass wir uns als junge Künstler nicht an der Zerstörung seiner Kunst beteiligen würden, bat uns Lew nach oben.

In seiner Wohnküche hatte Lew eine Künstlerjause für uns mit Brot und Kefir vorbereitet. Bemerkenswert dabei war, dass der obligatorische Wodka fehlte, der zum Zuprosten und zum Aussprechen von Toasten sonst zum unerlässlichen Standart gehörte. Sicherlich wäre es aber auch unpassend gewesen, mit Lew auf die ruhmreiche Zukunft seiner Denkmäler anzustoßen, die jetzt keiner mehr haben wollte. Und so erzählte Lew von besseren Zeiten. Von Kuba, wo Fidel Castro sein Auftraggeber war und von der Mongolei, wo es so kalt sei, obwohl die Sonne täglich scheine. Er zählte stolz all die Satelitenstaaten auf, in denen Monumente von ihm standen und wir hörten ihm erstaunt zu, wie er von den Revolutionären Lateinamerikas berichtete, die er alle getroffen hatte und die hier schon auf der Bank gesessen hätten. Lew stand plötzlich auf und ging langsam auf die Wand hinter uns zu, die mit hunderten von Unterschriften bedeckt war. Hier ist der Fidel und der Leonid Breshnew, sagte Lew und vor einem Jahr war auch Präsident Michael Gorbatschow mit seiner Frau Raisa zu Besuch.

So richtig in Fahrt kam Lew aber an diesem Nachmittag nicht mehr und so lag eine sentimentale Traurigkeit, die uns aus vergangenen Zeiten anwehte, über unserem Abschied bei Lew Kerbel.

Was Deutschland betrifft, so blickt in Chemnitz Karl Marx noch immer gnädig auf seine Bürger herab. Dies jedoch nach langen Diskussionen und Protesten. Die Frage ob er nun bleiben soll oder nicht, wurde jedoch zu seinen Gunsten entschieden. Und das sowjetische Ehrenmahl im Tiergarten, einst eine Ostberliner Enklave im kapitalistischen Westen, ist ein fester Bestandteil des alternativen Kulturtourismus geworden, vor dem sich täglich hunderte von Besuchern ob seiner monströsen Scheußlichkeit genüsslich gruseln.

Nachtrag : Kürzlich sah ich Lews Gesicht während einer Nachrichtensendung über den Untergang der Kursk aufblitzen. Er stand etwas verdeckt hinter den Honoratioren und den Witwen der Besatzung des untergegangen Atom-U-Boots. Hinter ihm reckte ein überlebensgroßer, trotziger Matrose aus Bronze sein Haupt in den arktischen Himmel. Zu Füßen des Matrosen versank die Kursk in einem Meer von Blumen und Gebinden. Es scheint fast so, als würde Lew sich jetzt in seinem Spätwerk mit den Hinterlassenschaften der Sowjetunion beschäftigen.

 

LEW In the early 1980's, the Soviet sculptor Lev Kerbel shows a delegation of art students from the West around in his studio. He is one of the most sought-after artists of the Eastern Block during these years. A proven specialist for the portrayal of Karl Marx, he was the artist behind the monumental bronze head of the communist philosopher that served as the symbol of the city known in the former GDR as Karl-Marx-Stadt, today renamed Chemnitz. In the cellar of his studio, where the models of his sculptures are stored, Lev Kerbel ponders the future of his monuments. The lecture he delivers to these art students is to become his artistic legacy. »These were designs, Lew explained to us, for each and every monument he had created in his life. As Lev pulled the model of the Gagarin Memorial from one of the shelves, we got an impression of what these plaster models could become. Just a few days earlier, we had visited the monumental statue of the first cosmonaut standing triumphantly atop a 10-meter column. On an uninterrupted square, the space hero saluted the ring of prefab socialist architecture encircling Moscow behind him.« (...)

»Lew, the cosmonaut in his hand and waving him before us like a sceptre, plunged into a lesson on monumental sculpture. Deep in the cellar, we hung on Lev's words, which reached us through the voice of the translator.« (...)

»It was a great art, he spoke, to be able to capture Gagarin's typical features so that the viewer looking up at the cosmonaut on top of the memorial would recognize him as the space traveller Gagarin. Because in order to achieve that, the natural proportions had to be exaggerated. If not for his artistic invention, he proudly announced, Gagarin's nose would have become little more than a snub at 10 meters up. Monumental sculpture was nothing more than the art of distortion, he proclaimed.« (...)

»He knew that we in the West were very poorly informed about the art of monumental sculpture, Lew continued his presentation, but he regarded it as the highest form of art. Socialist society had brought the system of classical Greek proportions to a state of perfection through commissions on its artists. Because it was artists who, through their talent, were able to impart to the masses the spirit of socialism. For him, this was modernity. Yes, yes, he was aware of the fact that we in the West had different ideas about that, but we should just listen to what he had to say, because he was one of the last sculptors who had command of the rules of monumental sculpture and even developed them further. This was clearly visible, in light of all of the memorials of his creation throughout the world. We came from Germany, he noted, and disappeared into the rear part of his cellar. He seemed to be searching for something, and after a few minutes, he reappeared with a head of Marx in his hands. This had been the model for the sculpture in Karl-Marx-Stadt, one of his biggest commissions, Lev explained. He had heard that they wanted to change the name of the city again, and he was very sorry about that, because he had created this head as the city's symbol. Did we know what would become of his monument in the future, after the reunification, and whether we Germans would, like the Poles, tear his memorials down and beat the noses off of the heroes of socialism with hammers? With sad, glazed eyes, Lev looked at us for the first time and an unusual silence spread through the cellar. Well then, he began again; it was just something he had heard. He was only concerned about what would become of his works of art. Especially in those fellow socialist states which now no longer wanted to have anything to do with the Soviet Union, in spite of all we had done for them.

We assured him that this would certainly not be the case in Germany, that everything would be saved there and - if worse came to worse - his monuments would be carefully dismantled and brought to the proper facilities to be preserved for posterity. Because one never knows how the next generation will evaluate art, but certainly they would be glad to have such beautiful and historical works of art as his handed down to them.« (...)