KLEINER REISEBERICHT AUS DEM RMV-LAND

Unterwegs mit dem "öffentlichen" von Jürgen Baer

Noch interessiert mich die vorübereilende Landschaft kaum. Der eigentliche Ausflug, der mir eine Fülle neuartiger Eindrücke verschaffen wird, beginnt erst auf der Nebenstrecke. Die Fahrt führt mich heute von Gießen nach Herborn. Kurz hinter Wetzlar öffne ich traditionell das Fenster auf der rechten Seite. Der Zug fährt hier immer sehr langsam und ich bewundere den gigantischen, rostigen Stahlzylinder der Edelstahlwerke, in dessen Innerem große Massen polternd durchgerührt werden.

Mal zur Rechten, mal zur Linken schlängelt sich ein Flüsschen entlang. Ich wechsele ebenso häufig die Fensterseite, um seinen Bewegungen zu folgen. Die Dill hat ein Gesicht bekommen. Beim überfliegen der kleinen Fahrplan-Fibel, die die einzelnen Stationen auflistet, bedaure ich, immer noch kein Exemplar der lang vergriffenen Deutschen Ortsnamenkunde von A. Bach zu besitzen.

Seit Einführung des Semester-Tickets im Spätherbst 96 ist der wöchentliche Ausflug innerhalb des Rhein-Main-Verbundnetzes fester Bestandteil meines Bildungsprogramms geworden. Aus einem Umkreis von ca. 90 Kilometern kommen viele Studenten mit öffentlichen Verkehrsmitteln nach Frankfurt, und mit der Verdreieinhalbfachung der Studiengebühren ist die Benutzung derselben jetzt für alle solidarisch finanziert.

10.000 Haltestellen mit unzähligen Verknüpfungsmöglichkeiten erschließen 386 Gemeinden in einem Gebiet von 14.000 qkm, welches mir bisher weitgehend unbekannt geblieben ist: die südliche Hälfte Hessens. Mit jedem Ausflug wächst in mir ein flächenhaftes Raumbewusstsein. Ich weiß, welche Hügel von Lahn, Kinzig oder Sinn getrennt und verschiedenen Mittelgebirgen zugeordnet werden. Unvergesslich ist das abgeschiedene Nest im Landkreis Fulda, mit mißtrauisch wackelnden Gardinen und den in die Hauswände eingelassenen Madonnenfiguren, wie ich sie bisher nur in Neapel gesehen hatte. Der Kali-Berg bei Neuhof, ein Zwitter aus Eisberg und Vulkan, der in der Sonne schneeweiß glänzt und bei Regen zu einem schmutzig- braunen kleinen Bruder des Vesuvs wird und, von einem unermüdlich ratternden Förderband gespeist, Tag und Nacht weiterwächst. Wenn von Nord und Süd gesprochen wird, erscheint vor mir kein vager, papierner Kompass mehr, sondern physikalische Orte, durch Erfahrung greifbar gewordene Richtungen und Formationen.

In Herborn studiere ich die lokalen Anschlüsse. Sollte ich noch einmal die herrliche Strecke nach Hartenrod genießen, bevor sie in wenigen Wochen endgültig dem Schlachtfest der Privatisierung geopfert werden wird? Die Gelegenheit wäre günstig, ich weiß, daß zu den geraden Uhrzeiten kein Triebwagen sondern ein Zug mit Fenstern, die sich öffnen lassen, fährt. Vielleicht wird der Schaffner in den zahlreichen Tunneln sogar wieder vergessen, für die wenigen Fahrgäste das Licht anzuschalten...

Ich entscheide mich für meinen ursprünglichen Plan: das Bahnnetz verlassen (ich habe mittlerweile ohnehin alle 2019,05 Gleiskilometer mindestens einmal abgefahren) und das Abenteuer angehen, mich durch die unübersichtlichen Busverbindungen möglichst westlich bleibend nach Limburg hinunterzuarbeiten.

Ein Busfahrer gibt mir bereitwillig Auskunft und befragt ausserdem noch Kollegen nach der Durchführbarkeit meines Planes. »Kein Problem!« stellt er fest und ich merke mir, dass mein nächstes Ziel Driedorf heißt, gehe bis zur Abfahrt noch ein wenig in den Ort und kaufe in der Eisenhandlung einen Satz Schrauben mit Flügelmuttern für einen Zehntel des Preises, der mich in einem Frankfurter Baumarkt gestern davon abgehalten hatte. Wäre ich jetzt ein paar Kilometer weiter in Dillenburg, würde ich bei meinem Lieblingsklamottenladen vorbeigehen und anschließend am dortigen Bahnhofsimbiss mir eine Mettwurst (ein kultureller Partikel, der die Nähe zum Kölner Einflussbereich verrät) schmecken lassen und unauffällig den Einheimischen lauschen, um wieder dem original-dillenburger »r« zu begegnen. Man braucht sich nur vorzustellen, wie ein Amerikaner die Worte »Drehkreuz« oder »Chrom-Vanadium-Schraubenschlüssel« aussprechen würde, um eine Idee davon zu haben, wie sich der Dillenburger Autozubehör-Verkäufer anhörte, der mich beim ersten Kontakt mit dieser phonetischen Eigentümlichkeit so verblüfft hatte. Als ich wieder an der Bushaltestelle ankomme, sitzen die Schüler dort genauso regungslos wie vorher. überall hat man Zeit.

Driedorf ist ein seltsamer Ort. Seine Struktur ist auffallend rechteckig und es scheint nur die Farbe Grau zu existieren, ein natürliches Schiefer-Grau, und kein Gebäude des ca. 2000-Seelen-Ortes hat mehr als zwei Stockwerke. Idyllisch der kleine Stausee.

Anderthalb Stunden habe ich hier verbracht und erwarte nun an der Bushaltestelle die nächste Etappe. »Du bist hier ganz richtig« strahlt mich von der Imbissbude der Busfahrer an, der mir in Herborn die Verbindungen erklärt hatte. »Jetzt mußt du mit Firma Breitscheider weiterfahren, Richtung Mengerskirch!«

Auf der Fahrt über rauhe Mittelgebirgskuppen schwebt ein Bussard nur wenige Meter von der Straße fast bewegungslos und nutzt mit seiner 1.20 m Spannweite die Windverhältnisse geschickt aus. Ich sitze gern vorne. »Sie glauben gar nicht, wie müde ich werde, wenn niemand im Bus mitfährt, die Zeit vergeht dann so langsam«, klagt mir der Fahrer.

Der nächste Ort ist reizlos, ich kürze die Route ab, um vor Einbruch der Dunkelheit wieder zu Hause zu sein.

Auf der Rückstrecke im InterRegio vergleiche ich die Titelüberschriften verschiedener kleiner Lokalzeitungen, die auf den Sitzplätzen liegengelassen wurden, stelle fest, wie einheitlich sie sind und aktualisiere daraufhin lieber meine Liste noch zu erledigender Projekte:

WINTER / REGEN

Regionalbahn bis Alsfeld, von dort mit Bussen über verschneiten Vogelsberg nach Süden hinunterarbeiten .

Worms: Hafenbereich zu Fuß oder mit Fahrrad, Dominikanerkirche mit Fürbitt-Buch

Dillenburg: sternförmige Busverbindungen nach Mandeln, Rittershausen, etc. Verkehrsverbund Rhein-Neckar: mit Semesterticket assoziierte Orte kennenlernen

Darmstadt: Joseph-Beuys-Werkkomplex, Jugendstilkolonie, Hundertwasser-Siedlung; Straßenbahnlinien komplettieren

SOMMER / GUTES WETTER

Schelder Wald: auf ehemaliger Bahnstrecke 10 km zu Fuß durch unbesiedelte Wildnis, mit Bus weiter nach Biedenkopf

Mainz: Römisch-Germanisches Museum, Rheinufer, mit Rad die Stadt in mehreren Diagonalen durchqueren

Gießen: Umrundung mit Rad, Oberhessisches Museum

Schlitz: internationales Trachtenfest vor mittelalterlicher Stadtkulisse