DAS WANDERN UND MEIN BEZUG ZUR NATUR

Von der Pfadfinder-Fahrten-Kultur bis zur frühen Outdoor-equipment- und Survival-Welle

von Peter Haury

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Als Kind der 70er Jahre und dem eines Pioniers der Rucksackbewegung trage ich Jugenderinnerungen an eine spezielle Form von »Wandern« mit mir herum, die sich in etwa umreissen lässt mit einer kleinen historischen Entwicklung: Von der Pfadfinder-Fahrten-Kultur der Nachkriegszeit bis zur frühen Outdoor-equipment- und Survival-Welle.

Die Wanderungen meiner Kindheit waren Fahrten mit Zelt und Kochtopf im Ausland, an der Mittelmeerküste oder in Skandinavien, in zivilisationsarmer Natur. Zivilisationsarm, um Trinkwasser und wilde Zeltplätze zu finden. Es ging aber um noch mehr: Von zu Hause aus zu laufen, auch wenn einen ganzen Tag lang, bis zu einem Bahnhof für die Rückkehr, galt in meiner Familie nur als Spaziergang. Bei diesen »Spaziergängen« lud sich diese Familie, da sie - ohne eigenes Auto - nicht ohne weiteres in unberührtere Naherholungsgebiete fliehen konnte, allsonntäglich eine intensive Perspektive auf die fortschreitende heimatliche Naturzerstörung Ð vor allem durch Autoverkehr Ð ins Bewusstsein. Richtiges »Wandern« war also verbunden mit einer Sehnsucht, dem Lärm, Gestank und baulicher Verschandelung ganz zu entkommen. Mein Vater hatte europaweit Landkarten nach möglichst großen straßenfreien Gebieten abgesucht und schon als Student viele davon bereist. Aus dem deutschen Alpenverein war er zur selben Zeit unter Protest ausgetreten, weil er dem das aggressive Erschließen der Alpen für den »autogestützten« Massentourismus vorwarf. Die Naturwahrnehmung in meiner Jugend war geprägt von einerseits ungebrochener Empörung und innerer Rebellion gegen Straßenverkehr und Umweltzerstörung und andererseits von ekstatischem Schwärmen in wirklich wilder, unberührter Landschaft.

Viel später lernte ich auf berühmten Alpenwanderwegen des 19. Jahrhunderts den damit einhergehenden heroisch-pathetisch-romantischen Blick auf das ideale Urwüchsige begrifflich gefasst kennen. Dieser gemeinte Blick Ð erglüht, entrückt und mit der unberührten Weite verschmelzend Ð war mir aus der Jugendzeit sehr vertraut. Hier fand ich ihn als ästhetisch reflektierten Gedanken formuliert, manifest und bequem ausgebaut - ein Kulturgut. Allerdings ohne mir noch die Illusion der tatsächlichen Unberührtheit der Landschaft und ihrer Entdeckung oder gar Eroberung zu vermitteln.

Auch ein historischer und massenhaft erlebter Blick kann mir zu Verschmelzungsphantasien verhelfen. Das setzt aber eine sozialere, bürgerlichere Grundhaltung voraus, einen Verzicht auf den Anspruch des Exklusiven. Und auch einen temporären inneren Waffenstillstand mit den Motorisierten, eine - zumindest für den Moment - emotionale Unabhängigkeit vom inneren Konflikt mit ihnen. Und was sich dabei seltener einstellt, ist ein tieferer Ernst bei der Sache, sowie damit verbunden, überhaupt eine Konzentration auf die Natur. Vielleicht fallen für mich deshalb unbewusst Ausflüge in diese so sozialisierten Alpen, auch mehrtägige, unter die Kategorie obengenannter »Spaziergänge« und ich vergesse ständig, festes Schuhwerk mit ihnen in Verbindung zu bringen, auch wenn mir die spontane Besteigung des Matterhorns mit Stoffturnschuhen (nur bis »hornli hut«) schon lästige Rüffel eingetragen oder ein Blick der Knorrhütten-Wirtin (Zugspitzfirn) auf meine ausgefransten Ecco-slipper jegliche weitere konstruktive Diskussion über Nebeldichte und Neuschneehöhe am Gipfel (Gipfelgefühl!) verunmöglicht hat.

Ausrüstung: Am eigenen Leib meiner Kindheit erlebte ich ihre Evolution vom Gestängerucksack zum Gestängelosen, vom alubeschichteten Pyramidenzelt mit Teleskopstange zum Kuppelzelt, vom Ostfriesen-Nerz zur Goretex-Jacke. Für die schwedischen Sümpfe und Geröllhalden gab es irgendwann Gummistiefel mit Stahlsohle. Und die Kunstfelljacken mit Daumenloch am ärmel oder die Plastikbecher im Design traditionell geschnitzter Berghaferl … Marken wie »Keltypack«, »Viking«, »Helly Hansen« oder »Fjäll Räven« standen schon klanglich für Geborgenheit in Unabhängigkeit und Abenteuer. Ihre Produkte mischten ab der ersten Tour ihre Polyurethan- oder Impregnierdünste für immer mit dem vom Rauch der Lagerfeuer, bildeten so eine vertraute Schutzhaut mit der Duft-Aura zwischen Raumanzug und Schwarzwälder-Schinken-Räuber-Rüstung. Wandern war Möglichkeit des Ausbruchs in eine reinere Welt und fester Bestandteil meiner Identität.

Ende der 80er sah ich einen schönen Film über die Free-Jazz-Szene in New York und beschloss, auf den vielen halb verwilderten Brachgrundstücken der South-Bronx einen Platz zum Zelten zu finden. Meinen amerikanischen Sitznachbarn im Flugzeug ordnete ich von Aussehen und Auftreten her als weisen und gutmütigen Patron diverser Underground-Klubs ein. Sein tiefer Schreck und mitfühlend schmerzvoller Blick, als er mich vor meinem Plan warnte, machten mich nachdenklich. Dann verschlugen mir verschiedene Eindrücke erstmal den Atem: Der wilde Hass der Amerikaner auf braches Land in der Nähe ihrer Wohnorte. Das Fehlen jeglicher Spaziergangskultur und -infrastruktur und damit einhergehend das latente Kriminalisieren von Fußgängern auf dem Lande. Das plumpe Kanalisieren von »hiking« auf »trails« mit dem Charme von Trimmpfaden oder Autobahnrastplätzen in seltsam gesichtslosen Landresten, genannt »state forest«. Hier schien mir Wandern nur auf rein sportliches Körpererleben mit dem ganzen dazugehörigen Betäubungscharakter möglich und gemeint zu sein. Ansonsten erwiesen sich die USA als ein großes Land voller zunächst unsichtbarer und unbewachter Grenzen, die privaten Ländereien hinter ihnen werden allerdings mit Schusswaffen von Sicherheitsfirmen verteidigt. Und bei jeder Begegnung ist man ohne es zu merken bereits zum illegalen Eindringling geworden. Längst als Bedrohung empfunden, wird man selbst bedroht und vertrieben. Eine spirituell dermaßen totalitäre und so wenig öffentliche Territorialkultur erlebte ich vorher nie. Ich wurde direkt sehnsüchtig beim Gedanken an italienische Vorortpfade, verbarrikadiert mit Totenkopfschildern und rostigem Stacheldraht - obwohl in der Wanderkarte verzeichnet -, an kläffende Köter oder selbst an eine unter wütendem Geschrei durchgeladene Kleingärtner-Schrotflinte. Sogar das Kirchen geläut fing ich in den USA irgendwann an zu vermissen. Ich begann zu spüren, dass auch ein Globetrotter-Ausstieg in die Wildnis auf sensible soziale Ränder des Austritts aus der Zivilisation und der Wiedereinkehr in sie angewiesen ist, um als romantisch-ästhetisches Erlebnis zu gelingen. Die subjektive Entfernung von Kultur, und sollte sie noch so sehr den Charakter von Ausbruch haben, stellt auch einen Dialog mit ihr dar, der Erwiderung einschließt. Privatisierte Wildnis ist jedenfalls der Horror.

Noch dazu kam damals eine tiefe Irritation, die entstand, als meine Partnerin, aufgewachsen in Tokyo, in dieser deprimierenden Situation trotz aller Mühe, die sie sich gab, ein tiefes Unvermögen zeigte und sogar selber als schmerzlich empfand, meine romantische Zuneigung zur Wildnis in irgendeiner Weise nachzuvollziehen. Letzte Sonnenstrahlen an einem Tümpel waren ihr verstellt von panischer Angst vor Insekten und wenn diese fehlten, stellte sich einfach eine große depressive Beziehungslosigkeit ein. Nun war es mir ja meinerseits unmöglich, zu diesen bereits vor längerer Zeit geplünderten und gespenstischen Stückchen Busch einen Draht zu finden. Per kultureller Definition schienen sie mir objektiv zu Unorten verkommen. Und zwar war es die Ghettohaftigkeit, mit der die Tätigkeit des Wanderns in dieser Gesellschaft wie andere Hobbies ihre Nische zugeteilt bekam, bei gleichzeitigem Fehlen eines auch nur ansatzweise vorhandenen Konsenses des allgemeinen Wertes von Natur. Im Würgegriff des »Sprawl«, der hemmungslosen Zersiedelung, die mittlerweile übrigens auch in den USA als eine der fatalsten Formen der Umweltzerstörung diskutiert wird, erstickten also meine Projektionsmuster. Fluchtartig verließ ich das Land und versuchte sie in Mexiko wiederzubeleben. Kulturell und objektiv schien mir dort diese Möglichkeit auch gegeben, aber mein subjektiver, innerer Bruch erwies sich als umso endgültiger, als ich nach der Rückkehr zwei Monate später den U.S.-Teil von Kalifornien einfach nur als sehr deutsch empfand. Katalytisch wirkten surfende, reiche BRD-kinder und -familien, die mir vom Habitus her amerikanischer erschienen als die »Einheimischen«, d.h. mit Geld in der Tasche einen individualistischen, privatistischen Konsumtrip fahrend, für den mir in Europa die Infrastruktur so noch nicht aufgefallen war. Seither ist eine Ahnung von kultureller und ideologischer Bedingtheit meiner eigenen Empfindungen in mir, die ich für authentisch gehalten hatte. Und damit stellen sie sich auch so nicht mehr ein. Nun muss ja ein projektionsloserer Umgang mit Natur nicht ablehnend oder unsinnlich geraten, er kann sich mitunter sogar vielschichtiger und freier gestalten.

Ein weiteres Erlebnis waren dann, damals bei meiner Heimkehr, ausgerechnet die deutschen urbanen Vorgärten Stuttgarts, die mir plötzlich und im Vergleich unerhört ehrwürdig, naturnah, phantasievoll und ökologisch reichhaltig vorkamen. Je absoluter sich Ð auch in den USA Ð das Land zur Stätte brutal industrieller Landwirtschaft und Legoland-artigen Manifestationen des Privatismus-Wahns mit gleichzeitig entsprechend rücksichtslos ausgebauter Hochgeschwindigkeits-Vernetzung entwickelt, können sich Großstädte als vergleichsweise resistent gegen solche ästhetisch technisierende Entwicklungen erweisen. Zumindest bestimmte Areale, wenn nicht ganze Viertel, bleiben unbeachtet oder geraten subtil außer Kontrolle und bilden Mikrokosmen verwildernder Kulturlandschaft. Natürlich ist auch diese Wahrnehmung davon beeinflusst, dass ich gelernt habe, eine Stadt zu genießen. Vermutlich macht man irgendwann bestimmte Sensoren dicht, um Störendes übersehen zu können, während sich neue Antennen für Erfrischendes nachbilden. Subjektiv erscheint mir also heute z.B. Autoverkehr in der Stadt viel erträglicher als auf dem Land. Klanglich, optisch und geruchsmäßig bildet er hier gemeinsam mit anderen Phänomenen einen ästhetischen Brei, also eine viel harmonischere Einheitlichkeit bzw. eine regelrechte urbane Natürlichkeit.

Mittlerweile habe ich nach längerer Pause wiederum begonnen, Wanderurlaube Ð auch ins Ausland Ð zu machen und dabei gerade den herben Charme extrem zerstörter Landschaftsreste mit ganz eigenwilliger, sozusagen sekundärer Wildnishaftigkeit als beglückende Qualität zu empfinden. Zum Beispiel das Hinterland der C‘te Azur. Von einer Autobahn Ð auch akustisch, ohne Pause Ð zersägte und vergaste Hänge hoch über dem Meer. Ein traditionsreicher Fernwanderweg verwildert, weil die Situation von Wanderern allgemein als so unangenehm empfunden wird. Ganze historische Städtchen verschimmeln im Schatten des monumentalen Bauwerkes der Autobahn und bekommen einen trostlosen, peripheren Charakter. In Reiseführern geschilderte Infrastrukturen (Gastronomie, übernachtung) sind zusammengebrochen… Und man befindet sich Ð vielleicht nicht im Unberührten Ð aber vielleicht noch besser: Im unberührbar Gewordenen.

In diesem Sinne rührte mich kürzlich auch ein Wall angespülter, ausbleichender Waschmittelflaschen in einer kleinen, unzugänglichen Bucht zutiefst. Unter dem Aspekt Großmüll scheinen die Strände heute wieder sauberer und so brachte mir der somit seltener gewordene Anblick Erinnerungen an meine wilde 70er-Kindheit, eine Zeit der allgemein freizügigen Vermüllung, der unbefangenen Erzeugung bunter Spielzeuglandschaften, die mir damals nur die Ferne und Bewegung des Meeres, die Welt der Tanker und Piraten vermittelten. Kein ökologisches Wissen, keine Umweltmoral bedrückte das Herz und die eitle Schmacht des Blickes eines Johnny Depp in den Sonnenuntergang in »Gilbert Grape«, der um sich selbst als »schön dreingeblickt« weiß, war so weit weg wie der Mond vor Armstrongs bühnenbewusstem »A small step for me«, und durch die Figuren des Casper David Friedrich guckte man noch hindurch, direkt auf die Schafe und den Nebel.

HIKING AND MY RELATIONSHIP TO NATURE

»As a child of the 70’s I was strongly influenced by something you could call a Ýhiking/outdoor/backpack-cultureü. Thus my childhood memories are made up of a special form of hiking … I could map out my own small historical development, from the boy scouts movement which already started in the 50’s, to the early outdoor survival wave Ð … The hikes of my childhood were trips with a tent and cooking pot abroad, to the mediterranean coast, or to Scandinavia, to remote parts of Europe. My perception of nature in my youth was determined on the one hand by a ceaseless indignation, an inner rebellion against traffic and environmental pollution to ecstatically revel in a truly wild untouched landscape.«

Peter Haury spent time in the U.S.A. where various impressions made an impact on him: »especially the Americans wild hatred of any piece of redundant land that happened to be near their house or hometown. The absence of any kind of infrastructure that might promote a walking culture and ulimately a latent feeling of mistrust of anyone walking around the countryside.« …

»A strange exclusion of hikers Ð confining them to trails which have the charm of a fitness trail or motorway picnic places in strange featureless pieces of land which are described or labelled as Ýstate forestü. For me Ýhikingü was reduced to a senseless sporting activity, in these places, with all the mindnumbing character, that accompanies it.«

»On returning to my home country, I experienced here of all places, the german urban frontgardens, which now appeared to me as places, which were full of fantasy, natural habitats full of organic bounty.« … »The more our society has developed into a place dominated by brutal, industrialized agricultural practices and stereotypical manifestations of Ýprivacy-maniaü, accompanied by a ruthlessly growing network of high speed traffic, the more our big cities are able to prove themselves as resistant to these techno-esthetical developements. At least specific areas remain neglected, untouched or out of control in a subtle way and thus they create microsystems of wild culture scenes/sites.« …

Peter Haury describes how, in the course of two decades and by experiences he made on the european as well as the northamerican continent, his own perception of nature gradually changed. He takes us on a journey, on his way from »the Untouched« to »the Untouchable«.