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Mike Hentz (* 1954) war Anfang der 80er Jahre Mitbegründer der Künstlergruppe Minus Delta t. Über das "Bangkok Projekt' der Gruppe sprach mit ihm Florian Haas. Erlensee am 16.7.2000

Florian Haas: Bei eurem Bangkok Projekt und Minus Delta t ging es um einen Stein, wo kam der her?

In Zürich (Mike Henntz / Karel Dudesek / Chrislo Haas) Foto: M. Boesch

 

Mike Hentz: Aus Prescelly Mountains in West Wales. Es ist nachgewiesen, dass der blaue Granit von Prescelly Mountains der dort heute noch abgebaut wird, der Ursprungsort der Steine des innersten Kreises von Stonehenge ist. Die Ethnologen haben nachgewiesen, dass die Steine auf Flößen und Rollen über hunderte von Kilometern transportiert worden sind. In dem Steinbruch arbeiten Leute, die den blauen Granit für die Straßen zerkleinern. Der Platz ist ein mystischer Ort, teils wegen der Champigons und teils wegen dem Ursprungsort der Steine. Das haben auch die Hippies gewusst. Um sie aus dieser Gegend fernzuhalten, versuchte man, alle Parkmöglichkeiten an den interessanten Stellen mit den Steinen zu verbarikadieren. Wir hatten im Steinbruch mehrere Steine angeschaut. Der erste war eher viereckig und ist direkt beim Verladen zerbrochen. Danach haben wir uns mehr zufällig einen anderen ausgesucht. Wir hatten kein grosses Ritual draus gemacht. Die Baggermechaniker hatten dort unseren Bedford, einen alten englischen Truck, in zwei Tagen komplett restauriert. Die konnten sich ja nicht erlauben, dass wir dort nicht wegkommen. Wir sind dann am 1. Mai 1982 in England losgefahren und auf Europatournee gegangen. Den 1.Mai, als Tag der Arbeit haben wir immer wieder als zentralen Punkt eingesetzt. Die erste philosophische Datenbank im Himalaya, wurde von uns auch am 1.Mai 1984 eingeweiht.

F.H. Kannst du etwas dazu sagen, wie es zu dem Projekt kam?

Anhänger mit Stein

 

Minus Delta t war ursprünglich eine Künstlergruppe, die multimedial war, was ja heute falsch ist - ich würde sagen polymedial. Wir arbeiteten im Bereich von Performance, Musik, Events, Sitationen und Konzeptkunst. Das Steinprojekt ist ein Konzeptkunstwerk, das wirklich realisiert wurde. Unser Interesse war, die Sachen wirklich greifbar zu machen und nicht nur irgend ein Photo oder Katalog davon zu machen. Das war die heroische Zeit von Minus Delta t, weil wir unter den unmöglichsten Bedingungen und Kontexten etwas realisiert haben. Die Projekte der Anfangsphase führten in der Kunst, der Musik und in Theaterkreisen zu heftigen Reaktionen seitens des Publikums. Von den ersten Performances waren viele durch Gewalt oder Strom-Abdrehen verhindert worden, was damals viel zu unserem New Wave-Industrial Mythos beigetragen hat. Auf Dauer hatte uns das aber auch ziemlich genervt. Das war der Grund, warum wir ein eigenes, unabhängiges Projekt machen wollten. Wir wollten endlich eine Situation haben, wo es nicht immer Kompromisse oder Streit mit den Leuten gab. Wir hatten dann gesagt jetzt machen wir unser eigenes Festival. Die ursprüngliche Spleen-Idee zum Bangkok-Festival kam von Bernhard Müller. Genauer gesagt der Ort, weil er mal in Bangkok gewesen war und da fuhren wir jetzt hin. Wir wollten, in Anführungszeichen, europäische Kultur vertreten. Wir wollten einen Individualismus rüber bringen. Wir suchten keinen Guru, sondern wir wollten selber etwas mitbringen und austauschen. Unsere Idee war: wir bauen alle 200 Kilometer einen Turm. Oder wir markieren die ganze Strecke von hier bis nach Bangkok oder wir bemalen alle 100 Kilometer die Straße. Es ging uns um Makierungsaktionen. Dann gab es eine Idee, die viel, viel später bei Van Gogh TV realisiert wurde: wir machen einen Radiosender und fahren überall damit durch. In Konzeptdiskussionen sind wir zu dem Ergebnis gekommen, wir brauchen etwas möglichst Kontextneutrales. Dabei ging es dann um einen Stein. Die nächste Frage war, was für einen Stein. Nehmen wir einem römischen Stein, hätten wir uns mit der römischen Kultur rumschlagen müssen. Das war nicht unbedingt unser Interesse. So sind wir auf Stonehenge gekommen, als eine der ältesten Spuren und Formen der europäischen Kultur. Das hatte den Vorteil, dass keiner genau wusste, was dort passiert war. Da war ein Interpretationsfeld offen, das sehr weit ging und trotzdem europäisch blieb. Die erste Idee war, Steine von Stonehenge zu klauen. Wir waren dazu hingefahren und wurden direkt verhaftet, das war irgendwie bescheuert. Unsere Idee war ein europäisches Kulturdenkmal zu exportieren, so wie Napoleon die Obelisken aus Ü gypten in Paris aufgestellt hatte. Unser Konzept war das mal umzukehren. Das war nicht unbedingt politisch gedacht. Wir waren nie politisch sondern eher surrealistisch, poetisch und natürlich vom Grundgedanken humanistisch angehaucht. Wir haben versucht, die Batterie von diesem Stein mit soviel Bedeutung zu laden, dass es nicht mehr möglich war, ihn einzuordnen. Das heißt, wir hatten jeden nur möglichen Kontakt, von dem Punkmusikveranstalter bis zu der Universitäts-Lesung und bis hin zu den Kunstgalerien missbraucht, um diese Propaganda Tournee mit diesem Stein durch Europa zu machen. Wir wollten möglichst viele bekannte Leute in prominenten Situationen mit dem Stein in Verbindung bringen. Das war dann nicht mehr einzuordnen. Das war Ende der 70er Jahre. Wenn man damals mit den falschen Leuten geredet hatte, oder die falsche Vernissage besuchte, war man out. Wir haben genau das Gegenteil gemacht und besuchten den Papst, der den Stein gesegnet hat. Wir trafen Bruno Kreisky und die Rolling Stones. Wir sind mit dem Stein direkt vor das "Hotel George V" in Paris gefahren und als Mick Jagger kam, ging er sofort vor dem Hotel auf den Fotografen los. Den Kontakt hatten wir über einen Musikmanager. Der hatte Jagger motiviert, mal von seiner Suite runter zu kommen und sich das an zu schauen. Der hatte das aber eher als Verarschung empfunden und war stinkesauer. Rolling Stone meets Rolling Stone. In Bologna waren wir auf dem kommunistischen Parteifest. Dann sind wir bei den Filmfestspielen in Cannes auf dem Boulevard des Anglaises hin und hergefahren. Die Leute dachten, das ist eine Papiermacheedekoration von irgend einem Film. Nach Paris waren die Kelten gekommen. Die Zeitung Paris Match hat eine Story geschrieben in der es hieß: mystisch, keltisch. Der Stein war ja keltisch und kam von dort. Wir hatten bewusst so etwas provoziert. Als wir vor Notre Dames standen und die Katholiken aus der Kirche kamen, standen gleichzeitig 15 Kelten um uns herum. Die hatten den Stein gebraucht, um mit den Leuten darüber zu streiten, daß in Notre Dames ursprünglich eine keltische Kultstätte gewesen war. Als Projektionsfläche und Katalysator funktionierte das mit dem Stein besser als wir gedacht hatten.

F.H. Wie habt Ihr das alles finanziert?

Centre Pompidou, Mai 1982

 

M.H. Damals hat ja im Kunstkontext Sponsoring als Prostitution gegolten. Wir haben das Projekt über Sponsoring und unsere Aktiengesellschaft finanziert. Dafür druckten wir 1980 zwanzigtausend Aktien. Eine Aktie war 20 Mark wert. Ein Kilometer der Reise wurde umgerechnet in 400 Gramm des Steins und das entsprach 20 Mark. Die Aktien hatten wir durchnummeriert und in der Zeit ungefähr 4000 verkauft. Das waren natürlich keine offiziell an der Börse gehandelten Aktien. Wir waren die ersten Leute, die Kunstaktien gedruckt haben. Trotz minimalster Mittel sind wir im Nadelstreifenanzug herum gerannt, was für viele ein Horror war. Das haben wir aber als Spezialperformance durchgezogen. Auch bei der Dokumenta waren wir in diesem Nadelstreifen-Design aufgetaucht fast schon so wie von einer Sekte oder wie Aktienverkäufer. Wir wurden immer von den Leuten verarscht, weil sie das nicht ernst genommen haben. Als wir in Kassel angekommen sind, verjagte man uns vom Fridericeanum. Als wir dann endlich gefahren sind hat uns Franz Dalehm, der das alles ganz toll fand, angeboten, dass, wenn wir einen Werbesticker "7000 Eichen" von Joseph Beuys auf den LKW klebten, wir dafür 500 Mark bekommen würden. Fuck you. Der hat nicht mal den uns versprochenen Tank bezahlt. Kommt nicht in Frage. Die Stein- und Baumaktie von Josef Beuys war direkt von uns kopiert. Damals verhandelten wir mit Franz Dalehm von der Dia Art Foundation, er wollte Geld für uns auftreiben. Er hatte das dem Beuys präsentiert und sagte immer, ihr schafft das nicht, ihr schafft das nicht: der hatte uns nur verarscht. Er hatte auch gewettet, dass er uns einen vollen Tank zahlen würde, wenn er den LKW sieht. Das hatte er alles nicht gemacht. Aber 6 Monate später hat Beuys dann die Aktion mit den 7000 Basaltsteinen und Eichenbäumen gemacht. Eine interessante Anekdote war auch, als wir einen Monat vor der Dokumenta in Wien waren. Da kam ein Wiener Künstler, von dem ich den Namen vergessen habe, und hat unseren ganzen Stein rosa gesprüht. Das geschah während eines Vortrags an der Uni. Er hatte dann während dessen rosa Aktien für den Stein verkauft. Gut das wir den Stein vorher in Innsbruck geputzt und eingeölt hatten und so die Farbe wieder leicht abging. Interessant waren auch die ganzen Unternehmer, die uns gesponsert haben. Die haben uns nicht gesponsert weil sie das Projekt verstanden, sondern weil wir sie an ihre Anfänge erinnerten. "Die Jungs probieren was", das hat sie motiviert. Die unterstützten uns, wie man eine Expedition sponsert mit 200 Kilo Müsli. Wir hatten Nestlé Trockenmilch, eine Waschmaschine und 300 Big Rasierer. Die unterstützten uns aus romantischen Gefühlen und weil sie das Risiko gut fanden.

F.H. Wann seid Ihr dann nach Indien aufgebrochen?

M.H. Im Oktober "82 sind wir nach Indien aufgebrochen und haben dann bis März "83 gebraucht. "83 war das Bangkok-Festival. "84 haben wir dann die philosophische Datenbank im Himalaya gemacht, die auch ein Teilprojekt war. "86 haben wir dann einen ersten Abschluss des Projekts gemacht. Da war Schluß, weil wir nicht, wie wir es zuerst gedacht hatten, mit dem Stein nach China rein gekommen waren, Die Indienreise führte über Bulgarien, Jugoslawien, Türkei, einem Abstecher nach Syrien und Libanon, zurück in die Türkei, dann Iran, Pakistan bis nach Indien. Und in Indien haben wir den Stein dann bei der österreichischen Botschaft deponiert, weil wir unter Termindruck standen und erstmal zum Festival nach Bangkok wollten. Ursprünglich wollten wir damit weiter in den Himalaya und nach China. Wir hatten dann die Idee, solange wir zu tun haben, den Stein im Ganges zu versenken, damit der eine Aura kriegt. Das war bei Rischikesh. Wir hatten bei dem Projekt einen gewissen Support von den Österreichern. Das kam durch unseren damaligen Besuch bei Bruno Kreisky. Wir hatten Empfehlungsbriefe von dem damaligen österreichischen Bundeskanzler und konnten so zum Beispiel in Teheran in der Botschaft wohnen. Im Iran sind wir verhaftet worden, weil sie dachten, das wäre eine LKW Bombe. Im Süden der Türkei hatten wir 3 Wochen Stress mit den Behörden, weil sie meinten, wir hätten für Syrien spioniert. Andererseits hatten wir in der Türkei auch ein gutes Grenztheater gemacht. Wir sind mit österreichischen Feuerwehruniformen an der ganzen LKW Kolonne von 5 Kilometern vorbei gefahren. Wir haben denen gesagt, das wir von der Tash Armee von der Stein Armee sind. Wir haben da ein riesen Performancetheater abgezogen und waren innerhalb von 2 Stunden durch die Grenze durch. Das war schon streng. Die Reifen haben uns die Türken in den Pass eingetragen, damit wir nicht rumdealen, oder den LKW verkaufen würden. Natürlich war uns hinterher hundertmal angeboten worden, den LKW zu verkaufen. Für unglaubliches Geld. Wir haben den LKW damals für 3000 Mark gekauft und fit gemacht. In der Türkei kamen die Leute mit 20000 30000 Mark an. Aber das haben wir nicht gemacht. Wir waren, weil uns die Typisierung des LKW Anmeldung, TÜ V, Steuer und der Anhänger für den Stein viel gekostet hatte, mit 2000 Dollar gefahren. Da war unser ganzes Geld aus dem Aktienverkauf wieder weg. In Teheran haben wir dann mit den Revolutionsgarden eine amerikanische Uniformjacke gegen 400 Liter Diesel getauscht. Solche Geschäfte haben schon stattgefunden. Es war kein finanziertes Projekt. Was wir betrieben, war absoluter Wahnsinn. Eigentlich hätte man unter den Bedingungen gar nicht fahren können. Viel später haben wir für die Triennale in New Dehli, als österreichische Vertreter, das drei bis vierfache Geld bekommen, von dem, was wir jemals auf der Tour verbraucht haben. Davon haben wir den Stein aus dem Ganges rausgeholt, Polyesterabgüsse davon gemacht und 15 große Bilder von indischen Kinomalern zum Stein-Thema malen lassen.

F.H. Wo ist der Stein jetzt?

M.H. Der Stein ist wieder in New Dehli, in der österreichischen Botschaft. Nachdem wir den Stein aus dem Ganges raus holten, haben wir bei einem Tempel ein Podest gebaut, auf das wir den Stein gestellt haben. Später gab es Probleme mit diesem Tempel, und wir haben den Stein wieder abgeholt und zur österreichischen Botschaft gebracht, weil das einfach das neutralste war. Die räumen das nicht weg. Der liegt jetzt da im Garten und wartet bis er wieder weg kommt. Die Negativpolyesterkopien sind auch in der Botschaft geblieben und harren ihrer Abholgeschichte. Wir hofften ja, dass wir weiter nach China könnten. In den 80ern haben wir das über 3 Jahre lang versucht. Das hat trotz bester Kontakte nicht geklappt, weil es einfach politisch nicht möglich war. Komischerweise entwickeln sich erst in den letzten zwei, drei Jahren wieder konkrete Kontakte. Vor allem durch die neue Öffnung in China und meine Kontakte zu Wu Shan Zhuan. Er war ein Schüler von mir und ist Konzeptkünstler. In den nächsten 5 Jahren wollen wir den Stein nach Peking bringen. Natürlich auf den Platz des Himmlischen Friedens, aber das wird nicht funktionieren.

F.H. Wieviele waren dabei gewesen?

M.H. Ursprünglich waren wir drei Leute. Das war Chrislo Haas, Karel Dudesek und ich. Wir hatten Minus Delta t gegründet. Und dann gab es durchlaufende Mitglieder und Gäste. Beim Steinprojekt war Bernd Müller relativ wichtig, der Maler und Konzeptkünstler war. Mittlerweile ist er islamischer Künstler, der mit vielen Kindern und Frau in Pakistan lebt und zum Sufismus übergetreten ist. Er hat sich im Laufe des Projektes von uns getrennt. Das war einer der Verluste und Konsequenzen des Projekts. Und es gab Gerhard Couty, mit dem ich heute noch zusammen arbeite. Mit dem hatte ich Frigo, Code Public und Radio Bellevue in Lyon gemacht, eine Multimedediastruktur in den 80ern. Dann gab es noch ein periodisches Mitglied in der Indienperiode, das war der Wolfgang Hoffmann von der Stadtwerkstatt Graz. Zusammen mit Van Gogh TV, ein Nachfolgeprojekt von Minus Delta t waren zwischen 300 500 Leute durchgelaufen. Wenn man die Liste durchschaut ist es ein Who is Who der Medienkunst. Jetzt verantwortlich sind Karel und ich. Und ein bisschen der Couty, weil der das Archiv verwaltet. Es kommen jetzt eine Menge von Angeboten auf uns zu. Die Leute sind immer interesssierter daran, mehr von Minus Delta t zu erfahren. Irgendwie hatten wir der ganzen Kontextgeschichte ja in einer praktischen Weise vorgegriffen. Leute wie Karel und Couty sind viel, viel stärker in das Medien-Zeug gegangen. Ich war "93 aus persönlichen Gründen, weil ich nicht nur diese Mediengeschichte machen wollte, aus der Gruppe ausgestiegen. Ich meine damit nicht Minus Delta t - aber aus Strukturen wie Van Gogh TV usw. So habe ich mich wieder dem Kultur und Kunstbegriff zugewandt und habe die Odyssee gemacht. Let a dream become true, we really made rock and roll.

F.H. Hatte der Stein für euch was Sakrales?

M.H. Nein, der hatte was Nerviges, der war schwer, der hatte uns zu Sklaven gemacht.

F.H. Er tauchte aber doch immer wieder an heiligen Stellen auf. Er wurde vom Papst gesegnet und stand vor einem indischen Tempel?

M.H. Wir haben auch versucht den Kohmehni zu treffen, was wir nicht geschafft haben. Genauso wie der Papst uninteressant war. Den trafen wir 10 Minuten, das war ein Jahr nach dem Attentat. Der war bescheuert drauf. Der dachte, wir sind Franzosen, der hatte überhaupt nicht mehr durchgeblickt. Dem Secret Service vom Vatikan war nur wichtig, daß die Zigaretten Werbung überdeckt wurde. Der Papst kam an: "Ach ihr seid keine Franzosen, ach so ja, ist das nicht ein Stein für den Frieden - natürlich auch - ja dann meinen Segen und Tschüß". Jetzt hast du natürlich das Superfoto mit dem Papst und meinst, da ist unheimlich viel passiert. Da ist nichts passiert. Vielleicht ist der Segen gar nichts wert. Aber was etwas wert ist, ist, dass du es schaffst einen geistigen Wert in ein Material hineinzustecken, das neutral ist. Dass du es überprägst. Diese Prägung vom Material: Durch den Papst war es ein heiliger katholischer Stein, steh ich vor dem Tadsch Mahal, ist es ein Hindu Stein oder er war im Ganges bei Rischikesch, einemder heiligsten Orte der Kumbumela. Diese Ü berprägung schaffte eine Neutralität, die dann eine andere Heiligkeit erzeugte. Nämlich eine neutrale. Das war auch unser Interesse, einen Überbegriff von Wert zu schaffen.

F.H. Woher kam der Name Minus Delta t?

M.H. Der Name kam von einer Diskussion, die ich mit einem Freund hatte, dem Wissenschaftler Bernd Grassmugg. Der hatte das Institut für Zukunftsforschung in Bonn gemacht, die Avantgarde der Zukunftsforschung und des Consulting, bevor es das überhaupt gab. Der war ein älterer Freund von mir, mit dem ich regelmäßig einen jour fix hatte. In einer ganz langen Diskussion ging es um eine statistische Vorausberechnung der Zukunft über eine Wahrscheinlichkeitstheorie. Man berechnet den ersten und zweiten Satz eines Musikstücks von Johann Sebastian Bach und kann dann mit einer Wahrscheinlichkeitsrechnung möglicherweise den Dreisatz spielen, bevor der überhaupt existent ist. Dieses Phänomen Minus Delta t, einer vorgezogenen theoretischen Zeit, habe ich dann sehr frei interpretiert. Die Vorstellung einer Premeditation von gesellschaftlich, kulturellen Prototypen als Test, um sie dann real umzusetzen. Kulturelle Prototypen hatten uns schon immer interessiert. Den Namen haben wir dann ausgewählt.

F.H. Hat die Datenbank im Himalaya etwas direkt mit dem Stein zu tun gehabt?

M.H. Die hat nie richtig funktioniert. Die ursprüngliche Idee war ein Safe, für den wir extra 100 Schlüssel hatten machen lassen. Dann haben wir noch einen Sinclair-Computer gehabt. Die Idee war, die Schlüssel zu verkaufen oder an Leute zu verschenken, die visionäre kulturelle Prototypen für die Zukunft im Kopf haben, die sie dahin bringen und deponieren. Also es ging uns schon noch um den Akt des Da-Hin-Fahrens. Schlussendlich hat es niemand interessiert dahin zu fahren und wir haben 4 5 Schlüssel verschenkt . Verkauft haben wir gar keinen, weil das Konzept nicht funktionierte. Jetzt ist da ein Gipfelbuch drin und ein Sinclair-Computer mit Solarzellen. Und eine von Benjamin entwickelte Solarharfe, die aus rostfreiem Edelmetall ist. Die kannst du aufstellen und dann hast du eine Solarharfe, die Musik macht wenn du den Safe öffnest. Was mit der Installation passiert ist, weiß ich nicht. Ich war jetzt 10 Jahre nicht mehr da. Bernhard Müller hatte dann in seinem Sufiwahn noch ein Konkurrenzunternehmen gestartet. Der hat in Pakistan eine islamische Datenbank gemacht. Er war dort auf 4000 Meter Höhe mit einem Safe gegangen, den er aufgetrieben hatte. Genannt hatte er das dann islamische Datenbank.

F.H. Ist der Ort eurer Datenbank geheim?

M.H. Nein, der ist publiziert worden. Das ist in Beaskund im indischen Himalaya auf 4500 Metern. Wir haben einen Ort ausgesucht, der wenn es schneit, relativ geschützt ist. Es ist ein überhängendes Tal. Der Ort ist eine Nische, die fast eine Muschiform hat, also schon ziemlich klasse. Wir hatten dann in eineinhalb bis zwei Metern Höhe mit Steinen und Zement den Safe eingemauert. Aber wer fährt schon nach Beaskund, das sind drei Tagesmärsche mit einem Sherpa und gibt seine Sachen dort ein in einem Zeitalter in dem wir Internet haben.

photo credits: Minus Delta t

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